In Ghana gibt es natürlich teilweise ganz andere Umgangsformen und Gewohnheiten, über die ich mit der Zeit ein bisschen etwas erfahren konnte. Ich habe immer ein bisschen Angst, einen Fauxpas zu begehen, aber dadurch, dass ich viele einheimische Freunde habe, hoffe ich über die gröbsten Fehler aufgeklärt zu sein. Und zur Not habe ich immer noch den „Ach, die Ausländerin weiß es nicht besser“-Bonus.

DIE GRÖSSTEN FETTÄPFCHEN

Die zwei wichtigsten Sachen, die zu beachten sind, habe ich schon in meinen vorherigen Artikeln erwähnt:

1) Wenn man kann, sollte man immer die rechte Hand benutzen. Falls das gerade nicht geht, weil man zum Beispiel gerade mit den Fingern isst (natürlich benutzt man dabei die rechte Hand) und einen jemand bittet, das Wasser gereicht zu bekommen, dann entschuldigt man sich mit „Sorry for left“ für das Benutzen der linken Hand. Alternativ kann man die Flasche mit überkreuzten Handgelenken anreichen, als Zeichen, dass man die rechte Hand benutzt hätte, wenn sie nicht verschmiert wäre.

2) Das Grüßen ist auch eine extrem wichtige Sache. Die Straßen sind immer voller Menschen, die den ganzen Tag draußen arbeiten oä. Wenn man wirklich höflich sein will, sollte man alle Menschen grüßen, die man kennt. Das höchste Level an Höflichkeit (das aber sehr schnell ermüdend werden kann) erreicht man meines Wissens, wenn man alle älteren Leute grüßt, alle Leute grüßt, mit denen man öfter zu tun hat und auch Hallo sagt, wenn Blickkontakt zu Fremden entsteht. Es gibt verschiedene Formalitäten eines Grußes – auf ein „Good morning“ oder „Good afternoon“ sollte man nicht mit „Hello“ oder „Hi“ antworten, es sollte im Grunde immer ein ähnlich formaler Gruß folgen. Ich habe schon öfter Gesprächsanfänge mitbekommen, die so abliefen:

A: „Hello!“ B: „Good evening!“ A: „Good evening! How are you?“ … Außerdem werden ältere Frauen teilweise respektvoll als „Auntie“ (Tante) bezeichnet, ich kann Moda also mit „Auntie Moda“ ansprechen.

Ich habe übrigens manchmal ganz eigene Probleme mit dem Grüßen: Ich bin leicht kurzsichtig, aber zu faul, meine Brille zu tragen und vor allem im Dunkeln habe ich echt Probleme, Menschen zu erkennen. Am Anfang kamen dann noch meine Schwierigkeiten dazu, Menschen der anderen Ethnie auseinanderzuhalten. (Ich konnte teilweise nicht einmal Mädchen und Jungen auseinanderhalten, weil ich den Anblick von vielen schwarzen Menschen auf einmal nicht gewöhnt war. Münster ist echt zu weiß!) Das schaffe ich jetzt aber ohne Probleme. Meine Strategie ist, möglichst vielen Menschen von meinen schlechten Augen zu erzählen. Mir hilft auch, dass ich eh schon viel lächle und das Lächeln bei mir durch die Sonne verstärkt wird. Nicht viele Menschen lächeln hier komplett ohne Grund und deshalb wird mein Gesichtsausdruck als Freundlichkeit aufgefasst, wenn ich durch die Straßen gehe. Übrigens sollte man das Wort „Please“ vor Fragen nutzen, also zum Beispiel „Please, how much is three Cedi sugar?“.

Regelmäßige Besuche und der respektvolle Gruß von älteren Verwandten gehören auch zur Kultur. Ich sollte auch zum Beispiel einmal im Monat Issahs Vater, den Hausbesitzer, besuchen, weil ich auf seinem Grund wohne.

So, diese Höflichkeitsformen habe ich ja schon in meinen vorherigen Artikel erwähnt, aber jetzt noch ein paar komplett neue Infos.

MANIEREN UM´S ESSEN HERUM

Zunächst gibt es einige Normen das Essen betreffend, bei deren Nicht-Beachtung man unangenehm auffallen kann. Da ist zunächst einmal die Sache mit dem Essen kaufen. Wenn man sich am Straßenrand Essen holt, dann sollte man dieses nicht in der Öffentlichkeit auf der Straße verzehren. Am besten ist es, nach Hause zu gehen, oder man findet eine verstecktere Ecke – wenn man Glück hat. Nach meinem Gefühl wird das Ganze in Kokrobite weniger ernst genommen als in Accra, aber als ich bei der Namensgebungszeremonie der Schwester von meinem Freund unterzuckert war und in Accra in einer nur halböffentlichen Ecke etwas gegessen habe, habe ich meinen Freund mit meiner Dreistigkeit regelrecht zur Verzweiflung gebracht. Dass man kleinere neu gekaufte Sachen wie Seife verdeckt nach Hause bringt ist aber auch sonst Norm. Deshalb gibt es leider einen enormen Verbrauch an schwarzen Plastiktüten.

Die andere Sache ist für mich immer noch sehr schwer, richtig anzuwenden. Wenn man nämlich Essen hat und noch andere Leute am Tisch sitzen, lädt man sie ein, mit einem zusammen zu essen („You are invited“). Wenn man selbst eingeladen wird, muss man die persönliche Beziehung zur Person kennen und je nachdem wissen, ob das Angebot ehrlich gemeint ist – schon nicht immer einfach. Was für mich aber besonders schwierig ist, ist, die richtige Situation für die Einladung von anderen zu bestimmen. Was, wenn viele Leute da sind? Was, wenn sie sich gerade unterhalten? Lade ich Neuankömmlinge extra ein? Meine Schüler laden mich auch zum Essen ein, ich sie hingegen nicht. Sehr schwierig zu durchschauen … Am Anfang habe ich mir sogar mal einen Rüffel von einem anderen Lehrer eingefangen, warum ich ihn nicht eingeladen hätte. Ob wir das in Deutschland nicht machten? In Ghana würden die Leute verhungern und kümmerten sich umeinander. Dabei hätte er garantiert nichts von mir gegessen, es ging nur um die Formalität. Sehr verwirrend, das alles! Mittlerweile platze ich bei fast jedem in meinem Umfeld mit einem „You are invited“ raus, sobald ich Essen in meiner Hand halte. Übrigens lustig auch mit meinem Futterneid, aber die Leute haben feine Sensoren und nehmen eigentlich nie etwas, wenn ich es nicht möchte.

ALLGEMEINE UNTERSCHIEDE

Bei anderen Sachen mangelt es an Feingefühl. Ich habe immer noch das „Vergnügen“, nur aufgrund meiner Hautfarbe angesprochen und angebaggert zu werden. Das ist generell eh schon ein bisschen nervig, aber richtig störend wird es, wenn dezente Hinweise, ein sanftes Abwimmeln oder ein höfliches oder mittel-höfliches „Nein“ nicht akzeptiert werden. Das ist richtig blöd. Und noch trauriger ist, dass meine neue Methode so viel besser wirkt: Wenn ich sage, dass ich einen Freund habe, schreckt das schon einige ab. Viele behaupten aber scheinheilig noch, sie wollten nur „Freunde“ sein. Daraufhin sage ich, dass mein Freund sehr eifersüchtig ist, das wird dann respektiert und noch nie hat sich jemand nach dieser Aussage Sorgen um meine Position in meiner Beziehung gemacht. (Keine Sorge, in Wirklichkeit ist er gar nicht eifersüchtig 🙂 ) Wenn ich allein unterwegs bin, kann ich mich deshalb meistens ganz gut aus Situationen herauswinden, mit schwarzen Freuden ist es vielen Fremden unangenehm, mich so dreist anzumachen, aber wenn ich mit weißen Freundinnen unterwegs bin (vor allem zu zweit), werden wir die Kerle kaum los.

Ich werde immer noch oft „Obroni“ (=Weiße) genannt. Mein Verhältnis zu dem Wort hat sich aber mit der Zeit geändert. Am Anfang fand ich es lustig, dann unglaublich nervig, immer nur auf meine Hautfarbe reduziert zu werden. Mittlerweile habe ich mich relativ gut daran gewöhnt und antworte Menschen, die mich auf diese Weise ansprechen, stets mit „Obibini“ (=Schwarzer). Damit gleiche ich nach meinem Gefühl die Situation aus und keine negativen Gefühle stauen sich an. Ich erlaube aber nicht, dass ich in der Schule mit „Obroni“ angesprochen werde, da bin ich gefälligst „Madam“. Lustiger Fun Fact in Bezug auf meine weiße Haut, was ich hier festgestellt habe, was aber total Sinn ergibt: Blaue Flecken kannten meine (Gast-)Brüder nicht und fanden es total faszinierend, wie sie ihre Farbe wechseln.

Während meiner Wahrnehmung nach negative Gefühle und Kritik oft nicht direkt, sondern über Zweitpersonen angesprochen werden, werden positiv gewertete Aussagen auch anders benutzt als in Deutschland. Besonders aufgefallen ist mir das anhand zweier Aussagen: „Ich vermisse dich“ und „Ich liebe dich“. Beide werden mit viel geringerer Hemmung verwendet und sehr viel inflationärer benutzt, als ich es gewohnt war. Am Anfang war ich immer total gerührt, wenn neue Bekannte mir geschrieben oder gesagt haben, dass sie mich vermissen … Bis mir dann aufgefallen ist, dass „vermissen“ hier eher ein Bemerken ausdrückt, dass jemand abwesend ist, als eine emotionale Reaktion darstellt.

SPRACHE & VORURTEILE

Zur Kommunikation gehören natürlich auch die Sprachen und das Verhältnis der Stämme in Ghana. Die Stammeszugehörigkeit wird in väterlicher Linie vererbt und je nach der Gegend sind bestimmte Stämme besonders verbreitet. Über jeden Stamm gibt es auch Vorurteile. Über die Ashanti, die mit Abstand den größten Anteil der Bevölkerung ausmachen und eine Untergruppe der Akan sind, wird gesagt, dass sie geldgierig seien. Sie sollen am Sklavenhandel partizipiert und die Menschen anderer Stämme verkauft haben, wird gesagt. Sie sprechen Twi – diese Sprache sprechen extrem viele Ghanaer. Eine andere Gruppe, die Ewe mit gleichnamiger Sprache, wird mit dem Mystischen verbunden und ist zum Beispiel auch in Togo verbreitet. Dann gibt es noch Ga-Dangme, Fanti (-Akans) und noch viele andere Gruppen. Kokrobite ist eine Ga-Gemeinde, hier wird auch die gleichnamige Sprache Ga gesprochen. Ich selbst habe nur ein paar Sätze drauf, begeistere aber regelmäßig, wenn ich auf Ga angesprochen werde und es schaffe zu antworten. Bei meinen begrenzten Kenntnissen wird es aber bleiben, die Leute betonen einige gegensätzliche Wörter auf eine Art, in der Deutsche keinen Unterschied heraushören können.

Erst nachdem ich hierhergekommen bin, habe ich verstanden, warum Sprache ein so großer Teil einer Kultur ist. Manchmal nervt es zwar, wenn ich neben einem Gespräch auf Ga sitze und nichts verstehe, aber letztendlich bin ich der Eindringling in die Kultur und es interessant, zuzuhören. Viele Leute hier sprechen Ga als Muttersprache, dann zumeist flüssig Twi und Englisch und können sich nebenbei noch in ein oder mehreren anderen Lokalsprachen verständigen. Dazu kommen zumeist noch Grundkenntnisse in Französisch. Der Wahnsinn.

Mein Englisch ist übrigens immer besser geworden, während mir am Anfang einfache Wörter wie „Handtuch“ nicht eingefallen sind, übersetzt mein Gehirn das Meiste jetzt automatisch, ohne dass ich bewusst darüber nachdenken muss. Ich kriege auch einen leichten ghanaischen Akzent und habe mir manche Sprechweisen, Betonungen oder Reaktionen auf den Gesprächspartner angewöhnt, die typisch sind. Zum Beispiel sind einige Betonungen oder auch die Grammatik ein bisschen anders als Britisch-Englisch, deshalb hoffe ich, dass mein Aufenthalt hier mein Schulenglisch in der Hinsicht nicht komplett „sprengt“. Lustig ist, dass mein Gehirn ab und zu anfängt, auch mal deutsche Wörter in meine englischen Sätze zu bauen, was ich dann erst später bemerke und lachen muss.

Übrigens herrschen auch in anderen Bereichen als in Bezug auf die Stämme Vorurteile, und sie werden offener ausgesprochen als in Deutschland. Alle Nigerianer werden zum Beispiel mit Misstrauen als grundsätzlich kriminell betrachtet, aber dafür wird die nigerianische Musik gewürdigt. Und darüber, dass Leute mit Rastas als Kiffer gelten und auch schief angeguckt bzw. von der Polizei diskriminiert werden, hatte ich ja schon erzählt.

MISSTRAUEN

Was ich sehr traurig finde, ist, dass das gegenseitige Misstrauen in der Bevölkerung sehr groß ist. Einmal generell untereinander – viele Leute verstehen sich sehr gut, aber richtig „beste Freunde“ oder sehr enge Freunde a´la „Ich erzähle dir meine Geheimnisse und Sorgen“ hat kaum jemand. Ich kenne auch viele Leute, die nur Bekannte haben. Mir wird oft von der Angst erzählt, finanziell ausgenutzt zu werden oder generell Freunde zu haben, die sich als illoyal erweisen. Das stelle ich mir sehr einsam vor, aber mir gegenüber hat noch niemand über die Situation wirklich betrübt gewirkt. Vielleicht, weil durch das Leben „in der Hood“ zumindest die Männer trotzdem eine schöne Zeit miteinander verbringen und sich jeden Tag sehen, Fußball spielen oder -gucken und Spiele spielen oder seltener mal einen Trinken.

Zu dem Misstrauen in der Bevölkerung zählt übrigens auch, dass die Männer den Frauen hier nicht vertrauen. Mir wurde schon mehrmals (von Freunden, aber auch von Wildfremden) erzählte, nur weiße Frauen würden Männer verstehen und schwarze Frauen seien nur auf das Geld aus. Diese Situation ist gemein – Weiße haben im Vergleich zu den Leuten hier zumeist Geld und viele weiße „Girlfriends“ werden später nicht mit einer Handvoll hungriger Kinder dastehen, ohne Garantie, dass der Mann bleibt. Außerdem schauen garantiert nicht alle Frauen hier auf das Geld. Trotzdem ist die Seite der Männer auch nicht ganz unverständlich: Ein Freund von mir arbeitet als einziger männlicher Lehrer in einer Schule und geht zum Beispiel prinzipiell nicht mit in die Mall, um Materialien zu besorgen, weil ihn sonst alle Lehrerinnen dazu bringen wollen, ihnen etwas auszugeben. Übrigens machen die meisten weiblichen Freiwilligen die Erfahrung, dass es so gut wie unmöglich ist, mit ghanaischen Männern befreundet zu sein, solange man Single ist. Seit ich einen Freund habe (der ghanaisch ist, wohlgemerkt, ein deutscher Freund „zählt“ für viele Ghanaer nicht) komme ich darum herum, dass eigentliche „Freunde“ sich plötzlich in mich verlieben und mehr wollen und nach einem Korb nicht mehr mit mir reden. Aber die ghanaischen Freunde, die ich hier habe, haben alle meine weißen Freiwilligenfreundinnen angebaggert, die mich zwischendurch besuchen kamen. Und Signale und mindestens den ersten deutlichen Korb ignoriert. Das nervt mich unglaublich und ich habe einige sehr deutliche Worte mit ihnen gesprochen, ist mir egal, dass man hier sowas nicht ins Gesicht sagt, ich wollte das geklärt haben. Das wurde mir, glaube ich, auch nicht so übelgenommen, wenn es auch ungewöhnlich war.

Oft kündigen Ghanaer vorher nicht an, wenn sie verreisen. Sie haben Angst, dass jemand aus Eifersucht ihnen alles verdirbt. Ob das Verfolgungswahn ist – keine Ahnung. Neid ist, glaube ich, ein generell größeres Thema, weil die Leute zumeist arm sind und wenig besitzen. Mein Freund meinte, dass einige Menschen ihm jetzt auch unfreundlich begegnen, weil er eine weiße Freundin hat und sie denken, er habe deshalb Geld.

DAS LEBEN UNTER KONTROLLE

Eine Sache, die ich nicht erwartet habe, ist die Sache mit der Sauberkeit. Es wird zwar der Müll oft einfach zur Seite geworfen, wodurch zum Beispiel die Seiten von Straßen wirklich nicht schön aussehen, aber sonst sind Reinlichkeit und Ordnung wichtige Themen. Wirklich viele Leute, die ich kenne und sehe, fegen jeden Morgen ihre Wohnung und den Hof davor. Jeden Morgen! Viele Leute in meinem Umfeld duschen sich auch mehrmals am Tag ab, und trotz des Aufwandes wird regelmäßig gewaschen. Für mich und meine Faulheit teilweise schwierig, da mitzuhalten, aber ich habe mittlerweile den Dreh raus :).

So, das ist erstmal alles. Ganz schön kompliziert zwischendurch, aber auch interessant und lustig.

1 Kommentar zu „Kommunikation und Alltag“

  1. Informativ, persönlich, flüssig zu lesen, teilweise witzig – ein wirklich guter Artikel, der hilft das Land besser zu verstehen. Ich freue mich schon auf den nächsten Blog-Eintrag.

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