Jetzt bleiben mir noch ungefähr sechs Wochen Zeit in Ghana übrig. Meine letzte richtige Reise nach Wli im Osten liegt hinter mir. Am 8.9. geht mein Flug zurück nach Deutschland.

Es ist ein komisches Gefühl, das ich habe. In den Wochen, bevor ich nach Ghana geflogen bin, habe ich nicht viel darüber nachgedacht, wie es sein wird. Ich war schon beschäftigt mit Vorbereitungen und Organisation, aber ich konnte mir so wenig unter dem Land vorstellen, dass ich nicht zu viel rätseln wollte. Jetzt dagegen befinde ich mich in einem komischen Gemisch zwischen Verdrängung, Vorfreude und Angst. Einerseits kann ich es kaum erwarten, Freunde und Familie wiederzusehen. Zuhause zu sein, in meinem Bett und im Garten. Andererseits wird alles anders sein, wenn ich wiederkomme. Die meisten meiner Freunde werden in anderen Städten leben und studieren, während ich noch bis zum nächsten Jahr warte, um ein Studium zu beginnen. In der Zeit will ich mich hier wieder einfinden, die Studienrichtung aussuchen und arbeiten. Also bin ich in meiner Heimatstadt, aber meine Freunde sind plötzlich nicht mehr spontan greifbar, auch wenn wir uns natürlich besuchen können. Ihr Leben ist auch weitergegangen, einige Leute verstehen sich nicht mehr, andere sind neu in der Clique und wieder andere neue Menschen, Freunde und Mitbewohner kenne ich nicht mal. Auch wenn wir Kontakt hielten, geht doch so viel verloren, wenn man sich nicht von Angesicht zu Angesicht sieht. Fast hätte ich die Weisheitszahn-OP einer meiner besten Freundinnen verpasst, und wer weiß, was sonst noch. Ich habe Angst, dass ich mich oder sie sich so sehr verändert haben, dass wir uns plötzlich gar nicht mehr so gut verstehen wie vorher. Andererseits kann ich es gar nicht erwarten, sie zu umarmen und all die Geschichten zu hören, die ich verpasst habe und Fotos zu sehen und zu zeigen.

Erschwerend kam jetzt auch noch dazu: Ich habe auf den letzten Metern noch mein Handy verloren und muss alle Kontakte wieder herstellen und neues Datenvolumen organisieren, um weiterhin in Verbindung zu bleiben. 

Vieles gilt natürlich auch für meine Familie. Meine Eltern und mein Bruder haben mich in den letzten zwei Wochen hier besucht (genau wie ein Kumpel vor zwei Monaten). Es waren unglaublich viele Eindrücke für sie und wir mussten uns an den Rollentausch, dass ich hier die „Wissende“ bin, gewöhnen, aber es war so schön, alle wiederzusehen. Und vor allem bin ich jetzt froh, dass mir nahestehenden Menschen einen annähernden Eindruck haben, wie mein Leben hier ist. Zuhause wird es wieder interessant, mit meiner Familie zusammenzuwohnen. Und sich wieder an deutsche Familienstrukturen zu gewöhnen. Ich mag, dass eine enge Beziehung auf Augenhöhe zwischen vielen deutschen Kindern und ihren Eltern existiert, aber Respektlosigkeit von Kindern gegen Eltern stört mich, glaube ich, deutlich mehr als zuvor. 

Komfortabel ist auf jeden Fall eine größere Sicherheit: Es wird wieder mehr Leute geben, die mich schon lange kennen, wissen, wie ich ticke und mir deshalb in größeren und kleineren Notfällen besser helfen können. 

Ich freue mich vor allem darauf, meine Großeltern wiederzusehen, die wahrscheinlich mehr als alle anderen mit mir und meiner Reise mitgefiebert haben. Ich bin so froh, dass sie einigermaßen gesund geblieben sind, während ich weg war, und kann es kaum erwarten, sie in meine Arme zu schließen. Und meine – inzwischen gar nicht mehr so kleine – Cousine und ihren Bruder muss ich dringend knuddeln. Sie sind bestimmt total gewachsen, genau wie mein 16-jähriger Bruder, dessen Wachstum ich schon bei seinem Besuch hier erschreckt bewundern durfte.

Aber nicht nur auf die Menschen freue ich mich: es ist der Geruch von Münster, einfach mal Deutsch reden, sich sicher sein über kulturelle Verhaltensweisen, nicht herausstechen wegen meiner Hautfarbe. Nicht wegen meiner Hautfarbe einfach so auf der Straße angebaggert werden (oder fühle ich mich vielleicht in den ersten Tagen Deutschland unattraktiv deswegen?), mehr Möglichkeiten, etwas zu unternehmen durch das Stadtleben. Sehen, dass Sozialsysteme vom Staat vorhanden sind und einigermaßen funktionieren und dass Politiker, Polizisten etc. sich größtenteils nicht in die eigene Tasche wirtschaften und man im Berufsleben auch ohne Beziehungen Perspektiven hat. Eine weniger klare Aufteilung zwischen Frauen- und Männerberufen. Waschmaschinen, Wlan. Und deutsche Natur. Laubbäume mit dem mir vertrautem Wuchs, wie Kastanien. Einfach Löwenzahn. Mohn. Erdbeeren. Kühle Morgenluft. Sogar zwei Wochen Winter fände ich schön, aber dann habe ich die Kälte bestimmt wieder satt – Ahh! Bestimmt wird mir die ganze Zeit kalt sein in Deutschland. Und natürlich freue ich mich auf das Essen meiner Mutter.

Mir wurde erzählt, dass vielen Freiwilligen erst in Deutschland wieder auffällt, wie anstrengend das Leben hier in Ghana ist. All die kleinen Sachen, die man hier machen muss und vom Aufwachsen her nicht gewöhnt ist, kosten anscheinend mehr Energie, als man denkt. Naja, ich werde es sehen, wenn ich wieder zurück bin.

Andererseits werde ich meine ghanaischen Freunde hier so sehr vermissen. Vor allem die Aussicht, sie lange nicht wiederzusehen, ist unglaublich traurig. Meine crazy Brüder, meine Freunde aus der Gegend, die einfach eine unglaublich coole Art haben und mit denen Spieleabende oder was auch immer einfach schön sind. Einfach miteinander Zeit zu verbringen ist so entspannt und ihren Geschichten aus einem so anderen Leben, als ich es kenne, zuzuhören ist faszinierend. Komisch ist, dass meine engen Freunde hier alles Jungs sind. Das ist anders als in Deutschland, aber auch in Ordnung. Die Sunbeam-Schule zu verlassen, wird nicht leicht, auch wenn ich den Job nicht für immer machen könnte. Aber am schlimmsten wird natürlich die Trennung von meinem Freund werden. Wir haben schon von Anfang an gesagt, dass wir keine Fernbeziehung möchten, aber Kontakt halten werden. Ich muss nicht ins Detail gehen, aber wir haben viel zusammen durchgestanden und einander Halt gegeben.

Der Strand, die Wärme und die unorganisierte Ordnung Ghanas sind zu einem Teil von mir geworden. Ich will eigentlich nie wieder ganz ohne Trotros reisen. Und ghanaisches Essen, wunderschöne Afro-Frisuren und die bunten Kleider vermissen müssen. Kokrobite ist mein zweites Zuhause, die Menschen in meiner Straße kennen mich und ich sie.

Ich habe Angst, meine Reaktion auf für mich komische Trends in Deutschland wie diesen Fitnessstudio-Massephasen-irgendwas-Wahn, Konsumsucht oder sonstige überflüssige Probleme auf hohem Niveau nicht verbergen zu können, aber ich will mich eigentlich auch gar nicht zu sehr wieder in das „deutsche“ Denken einfügen.

Alles liegt vor mir, werde mein Bestes tun, die letzte Zeit hier zu genießen. Deshalb kommt vielleicht auch bis zu meiner Rückkehr kein Blogartikel mehr. Bis bald 🙂

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Consent-Management-Plattform von Real Cookie Banner