Kurzer Reminder: Das sind alles persönliche Eindrücke von mir aus meinem Umfeld, ich versuche nicht zu generalisieren, aber das kann bei einem Thema wie Religion natürlich schnell passieren 🙂

TOLERANZ

Ghana ist ein Viele-Religionen-Land. 72 % der Bevölkerung sind christlich, 17,6 % der Population sind muslimisch und die Meisten glauben nebenbei noch an Naturreligionen. Ich dachte immer, Deutschland oder zumindest der Umkreis, in dem ich lebe, wären sehr tolerant gegenüber anderen Glaubensrichtungen. Das war, bis ich hierhin kam. Die Leute hier behandeln die Religionen, die sie nicht ausüben, mit einem unglaublichen Respekt. Es gibt in dem Bezug ein unglaublich friedliches und konfliktfreies Zusammenleben und es kommt nicht selten vor, dass Personen auch innerhalb einer Familie unterschiedlichen Glaubensrichtungen angehören. Der Großteil der Leute hier sind aus meiner deutschen Perspektive strenggläubig. Viele Christen gehen jeden Sonntag in die Kirche, wissen von Haus aus und durch die Sonntagsschule unglaublich viel über die Bibel und glauben meist jedes Wort, was gepredigt wird oder geschrieben steht. In meinem Umkreis kenne ich viele Muslime, die fünfmal am Tag beten – zurzeit ist Ramadan, da wird noch mehr gebetet, und während des Tageslichts wird nicht nur auf Essen und Sex, sondern auch auf Wasser verzichtet. 

Der Schlüssel zum Frieden zwischen all den Glaubensrichtungen liegt, glaube ich, in den gemeinsamen Werten. Strenggläubigkeit wird also oft mit einer guten Moral (Wahrhaftigkeit, Hilfsbereitschaft etc.) gleichgesetzt. Außerdem werden nach meinem Gefühl die Gemeinsamkeiten der Religionen sehr viel stärker betont als die Unterschiede. Dabei wird (selbst bei Naturreligionen) der Hauptgott größtenteils als ein und derselbe gesehen, auch wenn sich die Wege der Anbetung unterscheiden.  Durch das Bewusstsein, dass jeweils ein Gott und ähnliche Werte geehrt werden, wird der Einsatz für Religion – egal, ob für die Eigene oder eine Andere – geehrt. Religion schafft Gemeinschaft oder Freundschaften und Liebesbeziehungen entstehen nicht selten aus Begegnungen in der Kirche. Die Leute hier reden und diskutieren hier gerne über Glauben, und da ich als Atheistin bin ein schon eher ungewöhnliches Phänomen bin, ist ein Gespräch über das Thema oder ein Versuch, mich zu bekehren, nicht selten. Auch wenn ich gerne über Glauben diskutiere, bin ich es mittlerweile manchmal Leid, zu erklären, warum ich nicht an die Bibel glaube. Es ist z.B. schon anstrengend, erstmal vor Leuten die Evolutionstheorie Darwins auszubreiten, die sie nie in der Schule gelernt haben und immer noch nicht lernen. Die große Toleranz gegenüber Andersdenkenden bekomme ich auch hier zu spüren: Ich werde nie mit weniger Respekt, sondern höchstens mit Belustigung und Neugier über meine Weltsicht ausgefragt. Übrigens ist sehr wohl bekannt, dass wir Europäer und insbesondere die Deutschen zum Großteil nicht so gläubig sind wie die Leute hier.

CHRISTENTUM

Das Christentum in Ghana ist sehr viel dezentralisierter als in Deutschland. Das heißt, anstelle von großen, prunkvollen Kirchen werden häufig nur normale Räume für Gottesdienste genutzt. Die Größen der Glaubensgemeinschaften variieren stark: Teilweise gehören 15 Leute einer Kirche an, teilweise mehrere tausend. Jede Gemeinde hat einen anderen Namen und interpretiert die Bibel ein bisschen anders, das Christentum ist also nicht so uniform wie in Deutschland. Ich war schon bei ein paar Gottesdiensten in verschiedenen Kirchen zu Besuch und jedes Mal wurde der Gottesdienst mit viel Musik und Tanz begleitet. Übrigens ist die Musik in der Kirche immer WIRKLICH laut – kein Wunder also, dass hier nicht wenige Leute frühzeitig schwerhörig werden. Das Christentum wurde im 15. bzw. 18/19. Jahrhundert durch die Kolonialisierung in Ghana verbreitet. Erschreckenderweise wird das Aufzwingen der Religion oft noch als etwas Positives betrachtet, so im Sinne, „Zwar haben uns die Eroberer versklavt, aber sie haben uns auch Moral und den Weg ins Paradies gezeigt.“ Außerdem – ich weiß nicht, wie weit das stimmt – wird angenommen, dass die gemeinsame Religion die teilweise verfeindeten Stämme geeint hat. Übrigens kommen immer noch Missionare aus den USA hierher, zum Beispiel aus Iowa und Utah.

ISLAM

Der Islam ist durch den Handel nach Ghana gekommen, wurde also ohne Gewalt „natürlich“ verbreitet. Vor allem im Norden ist diese Religion verbreitet, aber auch sonst findet man überall Muslime – wie gesagt, lebe ich auch in dem muslimischen Viertel Kokrobites. Traurig ist, dass in dem nördlich an Ghana angrenzenden Land Burkina Faso seit dem Militärputsch die Gewalt durch Terrorgruppen wie dem IS und Al-Qaida noch weiter zugenommen hat und deshalb auch der Norden Ghanas durch extremistische Gewaltakte zunehmend gefährlich wird.

Mehr kann ich leider erstmal nicht zum Islam hier sagen, aber ich versuche bald in die Moschee zu gehen und dann noch etwas hier zu ergänzen 🙂

NATURRELIGIONEN

Auch die „alten“ Religionen gibt es noch in Ghana, aber bisher bin ich noch nicht bewusst jemandem begegnet, der eine dieser Religionen als Hauptreligion ausübt. Dementsprechend wenig weiß ich auch darüber. Anhänger der Naturreligionen werden übrigens als „Traditionalists“ bezeichnet, den deutschen Namen kenne ich nicht. Viele haben Teile der alten Glaubenssysteme übernommen und mit ihrer in Ghana „importierten“ Religion vermischt. So wird dann zum Beispiel gleichzeitig an das Christentum und an „Spirits“ geglaubt. Spirits sind so etwas wie Naturgeister, die unglaublich mächtig sein können. Der Glaube an Sprits hat Seiten, die den Menschen zu einem entspannteren Zusammenleben helfen. Regeln und Riten führen z.B. zu mehr Ruhe am Abend oder schränken (für einen Tag) die Überfischung der Meere ein bisschen ein. Hier ein paar Beispiele: Es wird gesagt, dass …

… wenn man am Abend fegt, fegt man seinen Wohlstand und sein Glück fort.

… wenn man am Abend pfeift, ruft man die bösen Spirits.

… wenn man am Abend Fufu poundet (ein bestimmtes Gericht mit einem Stab stampft), dann „poundet“ man sein Glück.

… wenn man Dienstag Fischen geht, fängt man Meerjungfrauen, die hier als böse angesehen werden – das gilt aber nur für Ga-Stämme.

… wenn jemand eine unglaubliche Untat gegen dich begangen hat, kannst du zu Meer gehen und die Person verfluchen. Die Meer-Spirits werden diese Person zu sich rufen und ertränken.

Eine andere Sache, die von fast allen in meinem Umfeld als wahr angenommen wird und selbst mir ab und zu ein mulmiges Gefühl einflößt, ist das „Juju“. Juju gilt als alte Form der Magie, dazu gehören Amulette, die schon Krieger vor Hunderten von Jahren getragen haben, und natürlich Flüche. Meine Gastbrüder finden es zum Beispiel gar nicht gut, wenn ich Geschenke von Fremden annehme, weil sie Angst haben, dass ich verhext werde. Auch scherzen sie immer, sie würden mein Haar nehmen und damit Juju mit mir machen oder mich durch geteilte Mahlzeiten verzaubern. Es wird gesagt, durch Juju könne man jemanden verletzen. Man könne ihm die Fähigkeit zum Laufen nehmen oder sogar töten. Man könne jemand anderens Denken verdrehen. Man könne jemanden dazu bringen, sich in einen zu verlieben oder einem zu vertrauen. Juju könne Geld geben und nehmen. Mir wurde die Geschichte von einem Europäer erzählt, der sich plötzlich in eine hässliche Ghanaerin verliebt hat und sie samt Kindern in sein Land genommen hat. Zehn Jahre später soll sie vergessen haben, ihr regelmäßiges Juju-Ritual durchzuführen und er wachte auf und konnte sich nicht an die Liebe zur Frau oder zur Verbundenheit an die Kinder erinnern. In Kokrobite soll angeblich mal ein ehemaliger Schüler seinem Schuldirektor die Fähigkeit zu laufen genommen haben. Nachdem der Schuldige gefunden wurde, wurde er gezwungen, das Ganze rückgängig zu machen und bald darauf konnte der Direktor wieder laufen. Ein Juju-Ritual kann man aber nicht mal eben so durchführen, man braucht einen Juju-Mann, der das Ganze gegen Bezahlung macht, und muss Opfer je nach Größe seines Wunsches bringen. Gruselig. Mit Flüchen wird hier übrigens generell nicht gespaßt, ich habe meinen Gastbrüdern einmal gedroht, sie würde einen schmerzhaften Tod sterben, wenn sie nicht aufhören würden, mich zu nerven (wie man das in Deutschland so theatralisch mal ‚raushaut). Das wurde von einigen anderen Personen gar nicht gut aufgenommen.

Nochmal zurück zu den Spirits: Wir haben heute (29.03.) einen Tag gehabt, an dem sich jeder in der traditionellen Kleidung seines Stammes gekleidet hat und gemeinsam die jeweiligen kulturellen Tänze aufgeführt wurden. Dabei ist etwas Merkwürdiges passiert: Die Ga, die ja die lokale Gruppe sind, haben lange und euphorisch getanzt. Irgendwann haben einige Mädchen die Kontrolle über ihre Körper verloren und sind in der Mitte des Tanzkreises herumgetaumelt. Der Tanz wurde, sobald das auffiel, beendet. Mir wurde erklärt, dass die Spirits durch den Rhythmus der Trommeln, durch den Tanz (der zu lange gedauert hat), die Kleidung und eventuell durch Namen wie „Flussgöttin“ gerufen worden sind. Die Personen, die betroffen waren, waren Zwillinge. Sie konnten sich an nichts erinnern, wurden auf einen Stuhl gesetzt und brauchten mindestens 30 Minuten, um sich zu erholen. (Sie waren nur sehr erschöpft, keine Sorge!) Ihnen wurden die Zeichnungen auf ihrer Haut mit Wasser abgewaschen und kleine Palmblätter aus den Palmbesen in die Haare gesteckt, um die Spirits zu vertreiben.

Ich selbst kann mir immer noch nicht ganz erklären, was dort vorgefallen ist. Eigentlich glaube ich gar nicht an Spirits oder vor allem, dass sich etwas Übernatürliches für Menschen interessiert, aber anders kann ich mir das Ganze nicht erklären. Oder vielleicht hat der Rhythmus bestimmte Wellen im Gehirn stimuliert? Aber warum nur Zwillinge? Ach, keine Ahnung…

EINFLUSS DER RELIGION: NEGATIVE SEITEN

Leider wird in vielen Kirchen gegen LGBT+ gehetzt, und das ist bitter, denn die Kirchen haben einen großen Einfluss. Daher sind auch viele Menschen sehr negativ gegen LGBT+ gestimmt, auch wenn durch internationale Einflüsse der Hass ein bisschen gedämpft wird. Ebenfalls tolerieren Regierung und Gesetze Homosexualität nicht – man kann dafür ins Gefängnis kommen. In meinem engeren Umfeld sind die Meinungen zu dem Thema liberal bis sehr dagegen. Ich habe versucht, darüber zu diskutieren, aber teilweise ist es sooo schwer, wenn Personen einfach mit einer komplett anderen Weltsicht aufgewachsen sind.

Auch das Familienbild ist noch sehr „konservativ“. Sowohl Jungs als auch Mädchen dürfen zumeist ihre ganze Jugend keine Beziehungen haben. Teilweise nicht mal, wenn sie älter als 18 Jahre sind. Von der Schule aus sind Selbstbefriedigung, Pornos, aber auch Sex vor der Ehe generell etwas Negatives. So wird allgemein Heranwachsenden eher Abstinenz als Verhütung beigebracht, und auch z.B. die Verbreitung sexuell übertragbare Krankheiten wird auf Leute zurückgeführt, die „herumludern“. Natürlich werden oft trotzdem Beziehungen geführt und Körperlichkeit ausprobiert, nur dann halt – wie viele tabuisierte Dinge in anderen Bereichen – heimlich. Deshalb können schon Kinder wirklich gut lügen und die Hemmschwelle dafür ist nicht wirklich groß. Auch sonst gilt: Frauen sollten heiraten und viele Kinder sind gut. Die Mütter sind für deren Versorgung zuständig und machen die Hausarbeit, die hier ja ganz andere Ausmaße hat als in Deutschland.

Dann kommt natürlich noch eine nicht immer ganz wissenschaftliche Sicht auf medizinische Belange hinzu. Eigentlich fast alle Menschen hier haben ein großes Wissen über heilende und schmerzstillende Kräuter. Andere Traditionen, wie bei Krankheiten und Unglück im Meer baden zu gehen, können eine heilende Wirkung haben, müssen es aber nicht. Und dann gibt es noch die ganz falschen Behandlungsmethoden. In meinem Umfeld gibt es eine christlich-gläubige Person mit Epilepsie, die sich schon mehreren „Austreibungen“ unterzogen hat. Hilft natürlich gar nicht und es macht den Zustand des Gehirns nicht besser, einen Menschen nach einem epileptischen Anfall ohne medizinische Hilfe einfach liegenzulassen. Na ja, … dennoch: Die meisten Ghanaer wenden eine Mischung aus traditioneller Kräutermedizin und modernen Medikamenten an, zum Glück klappt das in vielen Fällen wirklich erstaunlich gut.

Eine weitere Sache, die mir wirklich negativ auffällt, sind die Straßenprediger. Morgens auf meinem Schulweg komme ich oft an zwei verschiedenen vorbei. Sie stehen dann da am Straßenrand und SCHREIEN in ein Mikrofon. Sie lesen Bibelstellen vor, singen schief oder halten Predigten, in denen sie z. B. Gott um Geld bitten. Dabei sind sie unglaublich laut und stören vor allem die Leute, die im Umfeld wohnen. Ohne Glasfenster hört man das Ganze natürlich nochmal besser. Die Spezies der Straßenprediger findet man aber nicht nur am Straßenrand: Auch in öffentlichen Verkehrsmitteln wie Trotros oder Bussen beehren sie einen mit ihrer Anwesenheit. Nach aufdringlichen Vorträgen wollen sie dann Geld haben, das wird ihnen dann sogar gegeben, ohne dass sie nachfragen müssen.

AUSNUTZEN: RELIGION ALS WEG ZUM GELDVERDIENEN

Ein anderes Problem an der Religion ist, dass sich die Leute durch ihre mangelnde Bildung oder aus Verzweiflung ausnutzen lassen. Die Kirchen in Ghana sind im Grunde eine (steuerfreie) Gelddruckmaschine für einen bestimmten Schlag von Menschen. So reden z.B. Pastoren unglücklichen Gläubigen ein, ein Fluch läge auf ihnen und nur ein (natürlich sehr teures) Ritual könne diesen brechen. Manche tun so, als wären sie Wunderheiler und bezahlen Menschen extra dafür, „plötzlich“ wieder laufen zu können. In den christlichen Gottesdiensten, an denen ich bisher teilgenommen habe, wurden zwischendurch immer wieder Geld-Abgebe-Tänze getanzt. Mir wurde erzählt, dass in anderen Gottesdiensten teilweise sogar regelrechte „Auktionen“ stattfinden („Wer gibt 50 GhS? Wer gibt 100?“). Und wer am meisten Geld gibt, den liebt Gott natürlich am meisten. Außerdem wird oft die Tatkraft der Gläubigen blockiert: Wenn etwas schiefläuft, sollen sie beten. Natürlich kann das Beten in gewissen Situationen Trost spenden, aber bei dem Verlust eines Jobs sollte man sich einen Neuen suchen und nicht für Geld beten. Oder sogar das Schulgeld der Kinder für die Gnade Gottes ausgeben.

Ein Beispiel für eine dieser Figuren, die Leute alles glauben lassen können, ist der sogenannte „Angel“ (Daniel Obinim) mit einem Reinvermögen von 6,9 Mio. US-Dollar. Er sagt von sich selbst, er sei ein Engel seines Vaters Jesus, könne sich und andere heilen oder in Objekte und Tiere transformieren, in anderer Leute Träume Einblick nehmen und er habe ein Gespräch mit Gott gehabt. Er hat tausende von Anhängern, die alle seiner Kirche Geld spenden. Er hat einige Sachen gemacht, die gegen das Gesetz sind, zum Beispiel hat er zwei schwule Jungen vor den Augen seiner Kirchenmitglieder ausgepeitscht. Bestraft wurde er dafür nicht: Mit genügend Geld und Macht kann man sich bei den meisten Vergehen in Ghana aber aus der Strafverfolgung herauskaufen.

Dass hinter der Religion viel Geld steckt, erkennt man übrigens auch an der Präsenz der Kirchen in Ghana. Schon als ich angekommen bin, fielen mir die vielen Plakate auf, die überall hingen. Einmal die Werbung für verschiedene Kirchen – und Plakate, die nach dem Tode einer Person aufgehängt werden. Und nicht nur mit Präsenzgottesdiensten, sondern auch mit Radio- und Fernsehspots und in kircheneigenen Universitäten und Schulen wird auf die Menschen Einfluss ausgeübt.

ZUSAMMENFASSUNG

Insgesamt zeigt die Religion in Ghana oft ihre böse Fratze, gibt den Menschen aber auch Hoffnung und das Gefühl, dass ihr Leben und das Leid darin einen Sinn hat. Viele nutzen z. B. die zehn Gebote aus dem Christentum als moralische Richtlinie und schaffen sich so eine Orientierung in ihrem Leben, ggf. sogar ohne weitere moralische Vorbilder. Und wie offen, unverkrampft und tolerant mit dem Thema „unterschiedliche/andere Religionen“ umgegangen wird – davon können sich wohl die meisten anderen Länder eine Scheibe abschneiden.

2 Kommentare zu „Religion“

  1. Liebe Insa,

    ich habe Ihren faszinierenden Artikel über Ihre persönlichen Eindrücke zur Rolle der Religion in Ghana auf „Insas Weltwärts Blog“ gelesen. Sie schildern eindrucksvoll, wie Religion das gesellschaftliche Zusammenleben beeinflusst und eine Atmosphäre der Toleranz und des Respekts zwischen verschiedenen Glaubensrichtungen fördert. Mich interessiert, wie diese Erfahrungen Ihre Sicht auf die Rolle der Religion in der Gesellschaft verändert haben. Glauben Sie, dass ähnliche Formen der religiösen Toleranz und des Dialogs in anderen Teilen der Welt umsetzbar sind?

    Mit freundlichen Grüßen,

    Stephan

    1. Lieber Stephan,

      schön, dass Ihnen der Artikel gefallen hat 🙂

      Jetzt zu Ihrer Frage:
      Ich wünschte, es wäre so. Ich glaube, Intoleranz zeigt sich in vielen Formen und Toleranz kann man schwer nur auf einen Bereich wie Religion beziehen.
      Als ersten Grundstein für Toleranz sehe ich das Lernen übereinander.
      Generell ist mir aber in Ghana und auch danach aufgefallen, das ich selber unfassbar wenig über verschiedene Religionen weiß, ohne das ich mich davor in diesem Bereich für ungebildet gehalten hätte.
      Da es in den Medien heutzutage oft um Konflikte aufgrund von Unterschieden in Religion geht, finde ich es wichtig, über Gemeinsamkeiten von Religionen und gemeinsame Werte zu lehren und sie zu betonen.

      In jedem Fall glaube ich, dass ein offener und auch kritischer Dialog miteinander mehr Respekt und Verständnis füreinander bringt, als manche Fragen aus gutgemeintem Taktgefühl nicht zu stellen. Das heißt nicht, einander nur nach Vorurteilen zu fragen, sondern vor allem, mit ein bisschen vorhandenem Basiswissen ehrlich gemeint Hintergründe kennenzulernen wollen. Natürlich kommt es auch immer darauf an, ob man Personen im Umfeld hat, die man zu so etwas fragen kann. Gerade bei religiösen Minderheiten ist es ja nicht immer leicht, kritische Fragen nicht als Angriff klingen zu lassen. Deshalb ist es in Deutschland mit seiner gut sichtbaren Majorität an Christen und Atheisten natürlich schwieriger, z.B. Muslime zu ihrer Religion zu befragen. Eine muslimische Freiwillige meinte aber mal zu mir, dass sie laut Koran dazu angehalten ist, Leute über den Islam zu informieren, die Fragen stellen.

      Das was ich jetzt sagen werde, hört sich pessimistisch an: Meiner Meinung nach ist Reflektiertheit eine der Grundlagen zu einem friedvollen Zusammenleben. Leider tendiert der Mensch dazu, lieber über andere zu urteilen, als dazu, sich „an die eigene Nase zu greifen“ – auch in Ghana. Die Intoleranz äußert sich überall anders und ist verschieden sichtbar, in Ghana achten sich Religionen zwar untereinander, bewirken aber oft die Ausgrenzung von LGBT+, in Deutschland hingegen wird Religiösität von einigen (teilweise unbewusst) als „Rückschrittlich“ betrachtet, da sie nicht immer auf wissenschaftlichen Grundlagen basiert oder Gleichheit voraussetzt. Egal, an was geglaubt wird – wenn es einem Halt gibt und niemanden verletzt, wer sind wir, um darüber zu urteilen?

      Ich wünschte, das Gefühl (moralischer) Überlegenheit und die Schlussfolgerung, über andere urteilen zu dürfen wäre nicht so stark bei so vielen veranlagt – Mich selber nehme ich nicht davon aus. Das würde mit Sicherheit mehr Toleranz und einen gleichberechteren Dialog schaffen.

      Mit freundlichen Grüßen
      Insa

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