Anfang des Jahres sind die Klassen ein Jahr aufgestiegen und die Klassenlehrer wurden „durchgemischt“. Plötzlich war also die konservative Lehrerin, die ich schon in der ehemaligen Klasse eins kennengelernt habe, wieder in meiner ehemaligen Klasse zwei, jetzt drei. Die ehemalige Klasse-zwei-Lehrerin wurde hingegen in den Kindergarten versetzt. Dieser Wechsel tat, glaube ich, allen ganz gut: Die Kinder der Klasse drei haben schon ein bisschen mehr „Verstand“ und können die konservative Lehrerin besser einschätzen und so sich selbst und ihr Nerven oder auch Schläge ersparen. Und die ehemalige Klasse-zwei-Lehrerin hat mehr Zeit, sich um ihr Baby zu kümmern. Ich selbst merkte aber nach kurzer Zeit, dass ich in Klasse drei nicht mehr gebraucht wurde. Erst half ich anderen Lehrern beim Korrigieren von Schularbeiten und Klausuren, aber schließlich folgte ich der ehemaligen Klasse-zwei-Lehrerin in den Kindergarten.
DER KINDERGARTEN
Der Kindergarten besteht aus einem großen Raum am Ende des zweiten Schulhofes. Durch zwei halbhohe Kompartimente sind drei Räume voneinander abgetrennt. In diesen sind die ca. 70 Kinder nach Alter aufgeteilt. Wir sind inklusive mir sechs Erzieherinnen. Es gibt die Nursery, in der Kinder ab unter zwei Jahren untergebracht sind und sogar einige Babys. Dann gibt es die KG1 mit Kindern um die 4 Jahre und KG2 mit Kindern um die 5. Ich bin meistens in den beiden jüngeren Gruppen und schlichte Streitigkeiten, tröste Kinder oder helfe bei den Vorschulaufgaben (und korrigiere diese; ja, hier wird man früh mit dem Rotstift bekannt gemacht). Irgendwo wird immer eine helfende Hand gebraucht. Es ist anstrengend, unglaublich laut und manchmal eklig, aber ich liebe es.
Ein typischer Tag findet so statt: Zunächst werden die Kinder zum Kindergarten gebracht. Sie können ein bisschen draußen spielen, Sachen mit ihren Geschwistern regeln und ggf. ihr Frühstück essen. Mittwochs werden Kirchenlieder gesungen oder kleine Bibelgeschichten erzählt. Dann wird die Glocke zur Unterrichtszeit geklingelt und die Kindergartenkinder müssen in den Raum, damit sie nicht vor den anderen Klassen räumen, herumlaufen und stören. Drinnen sollen sie auf ihren Stühlen sitzen bleiben, damit keine „Anarchie“ ausbricht. Bis zur Pause wird gewartet, da können sie sich einen Snack kaufen und draußen spielen. Es werden mit den Älteren der Nursery, der KG1 und 2, kleine Lese-, Schreib- und Zählaufgaben gemacht. Auch werden Sachen ausgemalt und die Laute der Buchstaben in kleinen Liedern gelernt.
Leider muss ich sagen, dass die Gehirne der Kinder nach meinem Gefühl einfach noch nicht weit genug entwickelt sind für die Aufgaben. Oft haben sie kein Gefühl für Form, Höhe und Breite beim Schreiben und dass in der KG2 angefangen wird, Multiplikationen auswendig zu lernen, halte ich auch für unsinnig. Es werden sogar 45-minütige Examen geschrieben und unglaublich viel Druck auf die Kinder ausgeübt. Und so habe ich dann da halt ein 4-jähriges Mädchen mit Anzeichen von Prüfungsangst sitzen und zwei Jungs im gleichen Alter, die sagen „Ich kann das nicht tun“ und ihre Aufgaben nicht einmal eines Blickes würdigen. Auch da heißt es wieder: Gut zureden und trösten.
Ich frage mich ernsthaft, ob das Schulsystem in Ghana sich an irgendwelchen Erkenntnissen der Erziehungswissenschaft orientiert.
Für mich ist es dann auch kein Wunder, wenn auch viele Kinder der höheren Klassen noch nicht lesen können, wenn ihnen schon die Grundlagen fehlen, die sie im Kindergarten lernen sollten, aber nicht lernen konnten. Ich habe mich auch lange gefragt, warum man die betroffenen Kinder nicht einfach eine Klasse wiederholen lässt. Haha, ertappt: Das war die „reiche-Deutsche-Perspektive“. Ein Jahr mehr Schulzeit bedeutet ein Jahr mehr Schulgeld und die Eltern würden ihr Kind aus der Schule nehmen. Es wird stattdessen gehofft, dass das Kind die Rückstände aufholt.
Nach dem Unterricht wird dann bis zum Mittagessen gewartet. Vielleicht singen wir zusammen ein paar Lieder. Für die Nursery-Kids werden manchmal Bausteine ausgepackt. Seltener werden die Kinder auch mal vor einem Handybildschirm mit Cartoon abgestellt. Leider haben die Kinder von KG1 oft nichts zu tun (keine Materialien) und beschäftigen sich miteinander. Dabei gehen, wenn man nicht aufpasst, Stühle kaputt oder die Tafel wird erklettert. Es ist anstrengend und nicht immer einfach, die Kontrolle über die Situation zu behalten. Theoretisch sollen die Kinder auf ihren Stühlen sitzen bleiben, aber dafür ist der Tag einfach zu lang. Der Grund, warum die Kinder nicht herausdürfen, ist, dass die Schulhöfe nicht voneinander abgegrenzt und recht groß sind. Deshalb wäre eine sichere Beaufsichtigung nicht möglich. Bald werde ich vorschlagen, dass ein niedriger Zaum um einen Teil des Schulhofes nahe der KiTa gebaut wird, und ich bin mir sicher, dass der Vorschlag angenommen wird (Die Oberstufenschüler können einen Zaun aus günstigem Bambus bauen). Auf diese Weise könnten die Kinder draußen ihre Energie loswerden. Das wäre einerseits gut für ihre Entwicklung, die Lautstärke wäre geringer, weniger Stühle würden kaputtgehen und nicht zuletzt würden die Nerven der Erzieherinnen geschont, die die Kinder zum Sitzen bringen müssen.
In der Mittagspause werden dann die Essensboxen eingesammelt, und während das Essen in der Küche eingefüllt wird, beaufsichtige ich das Händewaschen. Danach wird das Essen verteilt, gebetet und dann gegessen. Daraufhin dürfen die Kinder raus auf den vorderen Schulhof zum Spielen oder zu ihren älteren Geschwisterkindern. Alle älteren Schüler (selbst die der Klasse eins) haben ein wachsames Auge auf die Jüngeren und kümmern sich rührend. Nach der Mittagspause sind wir erneut in den Innenräumen, bis ältere Geschwister und Eltern die Kleinen abholen. Manchmal feiern wir einen Geburtstag und singen für das jeweilige Kind – Geburtstage feiern ist in Ghana übrigens eher unüblich.
Die Freitage laufen anders: Da machen wir mit den Kindern draußen „Sport“: kleine Spiele, Wettrennen etc.
Natürlich haben nicht alle Kinder ein einfaches Leben: Wir haben ein Kind in KG2, das kleiner aussieht als die Kinder der Nursery, mit wirklich dünnen Armen. Der Junge kommt aus einer armen Familie und hat viele Geschwister. Ich frage mich bei einigen Kindern, ob sie Wasserbäuche (kommend von Eiweißmangel) oder ob sie einfach normal dicke Kinderbäuche haben. Hier ist das Wissen über ausgewogene Ernährung nämlich oftmals sehr gering. Schön sieht man das an den Snacks, die den Kindern mitgegeben werden: Popcorn und vor allem Kekse und süßer Saft (alles auch schlimm für die Zähne) sind üblich. Aber selbst mir fällt manchmal die Suche nach einem gesunden Frühstück auch nicht leicht. Es gibt kein anderes Brot außer Weißbrot, Kuhmilch für z.B. ein Müsli ist nicht so verbreitet … nicht einfach, die Sache mit der gesunden Ernährung.
Und dann ist ja noch die Sache mit dem Hauen. Ich merke leider, wie mich Respektlosigkeit immer mehr stört und die Toleranz bei mir für einen leichten Klaps mit der Hand wächst. Manche Kinder interessiert es nämlich nicht, wenn man mit ihnen schimpft. So ein Kind haben wir auch in KG1. Es ist selbst gegenüber seiner Hauptlehrerin respektlos und mir gegenüber sowieso – womit ich nicht sagen will, dass es nicht auch sehr lieb sein kann. Eines Tages kam dann sein Zwillingsbruder aus KG2 in die Schule, ohne mich zu grüßen. Ich rügte ihn, er antwortete nicht, ich fragte, ob alles okay sei, und bald darauf hatte ich den weinenden Jungen im Arm, den sein Vater heftig ins Gesicht geschlagen hatte. Am Ende stehe ich dann da: Ich kenne den Grund für das Verhalten der Brüder und sie tuen mir leid, aber gehorchen in entscheidenden Situationen tut der Junge in KG1 immer noch nicht.
Ich selbst haue aber trotzdem nicht, sondern probiere es in diesen Fällen mit gutem Zureden und Ablenkung, was leider nicht immer hilft. Wenn die Kinder viel Schimpfen und Schreien von zuhause gewöhnt sind, lachen sie nicht nur mir, sondern allen Erziehern ins Gesicht, machen weiter Unsinn und bringen sich und anderen in Gefahr. Wir haben hier nicht die pädagogischen Möglichkeiten wie in Deutschland, mit Leiseraum oder Elterngespräch, trotzdem versuche ich manchmal, ausgebildete deutsche Pädagogen um Rat zu fragen. Und manchmal müssen die Lehrerinnen die Situation schnell beenden, damit andere Kinder nicht mit dem gleichen Unsinn anfangen.- Das funktioniert bei manchen nur mit einem Klaps. Wofür ich immer noch gar keine Toleranz aufbringe, ist das Schlagen mit dem Rohrstock. Glücklicherweise wird der Stock nicht viel eingesetzt, aber trotzdem bleibt es nicht nur bei der Bestrafung von schlimmeren Untaten – wenn z.B. ein anderes Kind mit einem Stein verletzt wird. Die Hemmung einiger Lehrerinnen, den Stock auch mal bei schlechter Laune und Genervtheit zu benutzen, ist unglücklicherweise gering. Mich macht es wütend, wie gering da die Hemmungen sind, ein so kleines Wesen zu verletzen.
Natürlich haben wir dann noch andere Kandidaten. Verwöhnte Kinder, reiche Kinder … es ist alles dabei. Und alle verpetzen gerne ihre Mitschüler.
Ich liebe besonders die Kleinen aus der Nursery. Wir haben den kleinen muslimischen Jungen mit schwarzem Eyeliner, der immer in meine ausgebreiteten Arme rennt, den kleinen Jungen, der den „Großen“ alles nachmacht und es irgendwie immer schafft, sich in die zu kleine Windel zu machen, wenn ich ihn auf dem Arm habe. Da ist das süße kleine Mädchen mit den Grübchen, die eifersüchtig wird, wenn ich mit jemand anderem kuschele und die weint, sobald alles nicht genau nach ihrem Willen geht. Das Mädchen, das, als es neu war, geweint hat, sobald es von den Erwachsenen alleingelassen wurde und nur eine Sprache aus einer weiter entfernten Region gesprochen hat. Der Junge, der immer tobt und nur zwischendurch für eine kleine Dosis Liebe vorbeikommt und das Mädchen, was unglaublich fasziniert von meinen blonden Armhaaren ist.
Ich habe mir mittlerweile mein Standing im Kindergarten erarbeitet. Ich weiß, wie das System funktioniert, wo ich gebraucht werde, und verstehe mich gut mit den meisten anderen Erzieherinnen. Mit meiner Lieblingsmadame, die mit den Kindern immer singt und unglaublich liebevoll umgeht, führe ich dann Diskussionen über das Schulsystem, Aufklärung und vieles mehr. Sie hört mir wirklich zu und stimmt mancher Ansicht zu und mancher nicht. Durch sie bekomme ich neue Perspektiven. Zum Beispiel schlägt sie die Kinder nicht selber, sagt aber einem Kind, dem von einem anderen wehgetan wurde, „Schlag zurück!“. So etwas mache ich nicht und manchmal ist sie der Ansicht, ich würde die Kinder verwöhnen. Sie sagt, wenn ich Kinder in Ghana hätte, würden sie verprügelt werden, und ich sage, meine Kinder würde niemand verprügeln wollen, weil sie nett wären. Aber letztendlich hat sie recht. Ghana ist härter und um hier aufzuwachsen, ist „weich sein“ nicht immer gut. Aber trotzdem kann man versuchen, die neuen Generationen zu Mitgefühl zu erziehen, finde ich.
Noch zwei Sachen zur Schule: Am 6. März war der Unabhängigkeitstag. Schon einen Monat davor haben die älteren Schüler Kadettentraining gehabt und Marschieren geübt. Der Patriotismus ist hier generell größer, als ich es aus Deutschland gewöhnt bin, das sieht man auch an den ghanaischen Flaggen, die überall verbreitet sind. Aber das ist gut – dieses Gefühl gehört zum Empowerment von Ghana.

Die andere Sache: Letztens hat die Sunbeam für die Mädchen an der eigenen Schule und von anderen Schulen den Menstrual Hygiene Day organisiert und dabei Essen, Getränke, Binden und vor allem Aufklärung über die Periode bereitgestellt. Das Ganze war eine extrem tolle Aktion.

