So langsam wird es ernst! Von Montag, dem 15.08 bis zum 22.08.2022 fand das Vorbereitungsseminar in der Jugendherberge Schwäbisch Hall statt. Diese Veranstaltung ist eine Vorgabe von Weltwärts, um die Freiwilligen umfassend für Ihren Dienst zu „präparieren“, angefangen von Do’s and Dont’s in den Umgangsformen über Insider-Tipps von ehemaligen Reisenden bis hin zu Formalitäten wie Versicherungsbedingungen etc.

ANKUNFT

Ich reiste schon Sonntagabend an, um am nächsten Tag pünktlich erscheinen zu können. Sophie, eine andere Freiwillige, hatte einen ähnlich weiten Anfahrtsweg und kam ebenfalls eher an. Wir wurden von unserem Seminarleiter Claude zum Essen eingeladen. Es stellte sich dann heraus, dass die beiden anderen Freiwilligen einen bzw. zwei Tage zu spät kommen würden. Alle Teilnehmer außer mir werden übrigens nach Togo verschickt, eine wird in einer „normalen“ Schule arbeiten, eine in einer Gehörlosen-Schule und einer in einem Permakultur-Projekt auf einer Plantage, die in Deutschland super-super-bio wäre und mit dem Auto nicht erreichbar ist.

Im Folgenden werde ich nur die wichtigsten und interessantesten Stunden und Informationen des Seminars schildern, da alles andere den Rahmen sprengen würde.

DISKUSSION ÜBER RASSISMUS & ALLGEMEINES

Am Montag saßen wir also zu dritt im Seminarraum und bald starten Sophie und ich eine angeregte Diskussion über Rassismus. Sophie ist sehr informiert über das Thema und liest nicht nur diesbezüglich viele Bücher, sondern empfiehlt auch einen Podcast namens „Exit Racism“ von Tupoka Ogette. Wir haben damit gleich abends in unserem Zimmer begonnen : er ist tatsächlich wirklich interessant und führt gut an das Thema Alltagsrassismus heran.

Nun, auf jeden Fall sprachen wir darüber, ob es rassistisch sei, wenn weiße Menschen afrikanische Frisuren tragen, wie wir zu den Änderungen von rassistischen Wörtern in Kinderbüchern stehen und ob das Nicht-Benutzen von anderen Ausdrücken als z.B. „Schwarzer“ wirklich gegen den Rassismus hilft. Natürlich schweiften wir irgendwann ab und kamen auch aufs Gendern zu sprechen. Wie man merkt,: Es sind alles sehr komplizierte Themen – als wir fertig waren mit dem Diskutieren, war es bereits Mittagessenszeit 🙂

Am Dienstag lernten wir auch andere Leute aus der Organisation kennen. Gemeinsam mit vier Frauen aus Kroatien, Syrien, Marokko und dem Sudan (?) besprachen wir unsere aktuelle Gefühlslage. Ich fasste zusammen, dass es sich wahrscheinlich ein bisschen anfühlt, wie schwanger zu sein: Jeder erzählt einem, wie es in Zukunft sein wird, man versucht sich bestmöglich vorzubereiten und am Ende ist trotzdem fast alles anders und das Ganze ist wunderschön und beängstigend. So hatte es mir meine Mutter einmal beschrieben.

Sophie und ich beschlossen, den doch sehr veralteten Instagram-Account des Freundeskreis Afrika zu aktualisieren. Dort wird über dessen Arbeit berichtet. Wenn ihr wollt, könnt ihr mal hereinschauen: https://www.instagram.com/freundeskreisafrika/?igshid=YmMyMTA2M2Y%3D

Auch sprach ich mit meinem Gastvater Issah – Es war toll, ihn kennenzulernen, und natürlich, ich war total nervös.

INTERESSANTES ÜBER TOGO & GHANA

Außerdem erzählte Claude, der aus Togo kommt (einem Nachbarland von Ghana mit ähnlicher Kultur, das aber in vielen Bereichen weniger entwickelt ist), von seiner Kultur und worauf wir achten müssen. Also das Wichtigste zuerst: Ich darf im Grunde meine linke Hand nicht benutzen. Diese gilt als schmutzig, weil man sie dort auf der Toilette benutzt, um sich zu säubern. Das gilt nicht nur für wenn man jemandem etwas gibt, auch beim Grüßen etc. sollte man darauf achten. In einem Blog habe ich gelesen, dass es ebenfalls unhöflich ist, beim Gespräch mit Älteren die Beine zu überkreuzen.

Zudem sind die Verbindlichkeiten andere: Man sollte beispielsweise einer Person 100%ig vertrauen, bevor man sich bei jemandem zu Hause trifft. Gerade bei Essenseinladungen in fremden Häusern werden häufig Gegenleistungen erwartet.

Da ich eine Weiße bin, wird mir Vieles a´la „Sie weiß es nicht besser“ verziehen. Ich hoffe, man wird mir auch eine dort als unhöflich angesehene Gewohnheit vergeben, die ich mir bestimmt nicht allzu schnell abgewöhnen werde können: Es gilt als unhöflich, Älteren beim Gespräch in die Augen zu schauen. Man sollte den Blick senken und je tiefer man nach unten schaut, desto höher ist die Ehrerbietung, die man der Person entgegenbringt.

Was ich lustig fand, war, als Claude erzählt hat, dass die Männer in dem Kulturkreis Händchen halten, wenn sie befreundet sind. Übrigens: Homosexualität wird streng bestraft.

Weiß zu sein wird dort zumeist gleichbedeutend mit Reichtum gesehen. Es ist möglich, dass ich einfach so auf der Straße Heiratsanträge bekomme, einfach nur, weil ich weiß bin. Natürlich wird versucht werden, mir Sachen extra teuer zu verkaufen.

Eine alte Praxis, die sowohl in Ghana als auch in Togo noch teilweise betrieben wird, ist die der Tribal Marks. Tribal Marks sind mithilfe eines Messers ins Gesicht von Kindern geschnittene Narben, die später etwas über die Stammesherkunft der betreffenden Person aussagen. Zum Glück geht diese Tradition heutzutage zurück (vor allem im Süden Ghanas soll sie nicht mehr oft ausgeübt werden), aber immer noch kann man diese Gesichtszeichnung beobachten: Besonders oft sollen jeweils eine schräg verlaufende Narbe auf jeder Wange vorkommen.

Apropos Narben: Claude hat eine interessante Geschichte über seine Großmutter erzählt. Sie hatte gestrichelte Narben in Form eines großen X auf dem Rücken. Das bedeutet, dass sie zu Frauen gehört, die im Laufe ihres Lebens ein Jahr lang in einem „Camp“ verschwanden, wo sie alles über Kräuterkunde und Heilmethoden lernten. Seine Großmutter sprach außerdem einmal im Jahr ca. einen Monat nicht und gab nur Klicklaute von sich. Laut Claude meinte seine Oma einmal, solange sie lebe, würden die Kinder nicht zu einem Arzt geschickt werden oder Tabletten bekommen. Und so war es: Sie gab den Kindern Kräuter und kurierte zum Beispiel Kopf- oder Bauchschmerzen mit Tee. Laut Claude waren sie alle wegen der Kräuter generell fast nie krank.

Als Claude einmal in der Schule bis aufs Blut ausgepeitscht wurde (auch diese Praxis ist in Togo leider noch nicht ausgestorben), packte seine Großmutter den Schuldirektor am Kragen und bewirkte, dass er nie wieder ausgepeitscht wurde, so seine Erzählung. Danach wurde sie von allem „Hexe“ genannt.

Etwas, was Togo mehr betrifft als Ghana, will ich hier auch noch aufschreiben: Die Freiwilligen dort müssen ihre Haare nach dem Schneiden gründlich entsorgen (z. B. verbrennen), da der Voodoo-Kult dort ziemlich groß ist und die Haare sonst geklaut werden. Außerdem müssen sie darauf achten, sich nicht zu nah bei den Voodoo-Anhängern, die man daran erkennen kann, dass sie sich auf großen Stelzen bewegen, aufhalten. Wenn diese nämlich losrennen, kann es ganz schön gefährlich für die Umstehenden werden.

Zuletzt lernten wir noch etwas über Unterschiede in der Kommunikation: Deutschland ist eine Low-Content-Kultur, das heißt, es wird ziemlich geradeheraus alles angesprochen, was gemeint ist, während in Ghana eine High-Content-Kultur herrscht, das heißt, es kann viel mehr hinter einem Satz oder einer Andeutung stecken, als erwartet. Ich hoffe, damit komme ich klar! Eine andere Eigenheit ist, dass Geschäftliches und Privates sehr viel stärker vermischt werden. So kann es vorkommen, dass ein Geschäftspartner plötzlich über sein Liebesleben spricht.

GUT ZU WISSEN FÜR MEINE PLANUNG

Am Mittwoch begann der Tag sehr sachlich mit vielen Informationen: Wir besprachen vor allem, unter welchen Umständen man verfrüht nach Deutschland zurückkehren könne. Da wir einen Vertrag unterschrieben haben, muss etwas wirklich Ernstes vorfallen oder man muss viele Gespräche mit Weltwärts, dem Freundeskreis Afrika und dem Betreuer vor Ort über sich ergehen lassen, um Alternativen auszuloten. Andernfalls trägt man die Flugkosten und Aufenthaltskosten für das ganze Jahr selber. Es wird sich aber gut um uns gekümmert: sobald wir uns unwohl fühlen, sollen wir Bescheid sagen und jemand ist für uns da.

Mein Flug geht übrigens am 21.09. in der Frühe am Frankfurter Flughafen los. In Brüssel muss ich umsteigen. Ich hoffe, alles geht gut – ich bin noch nie alleine geflogen oder am Flugplatz umgestiegen. Ich habe auch ein wenig Angst, dass mein Gepäck verloren geht.

Das sind wir Afrika-Reisenden

Abends brachten wir Freiwilligen (Sophie, Charlotte, Finn und ich) die Website des Freundeskreis Afrika auf den neusten Stand. Danach fand das eigentlich für den Donnerstag geplante Videotelefonat mit der ehemaligen Freiwilligen in Ghana namens Mara spontan an diesem Tag statt. Mara studierte nach ihrem Freiwilligendienst eine Zeit lang in Ghana und ist jetzt schon seit Jahren mit meinem Gastvater Issah zusammen. Sie kommt ihn besuchen und bleibt glücklicherweise während meiner Anfangszeit in Ghana und kann mir so helfen, mich einzugewöhnen.

Mara und Issah wollen sich mit mir übrigens noch einmal von Angesicht zu Angesicht zusammensetzen, weil ich in so viele Fettnäpfchen treten kann (ohoh!). Mara gab mir noch Informationen zu meinem Tagesablauf, zu angemessener Kleidung, Fortbewegung, Sprache, Medikamenten und Dokumenten. Dazu erzähle ich euch mehr, wenn ich vor Ort bin. Nur eines jetzt schon: Ich habe erfahren, dass die Versorgungslage und Offenheit in Kokrobite super sein sollen, es gäbe gute Krankenhäuser und Zugriff auf Medikamente in der Nähe, und durch eine vergleichsweise hohe Anzahl an Touristen ist man westliche Eigenheiten gewöhnt.

Okay, jetzt komme ich zum Ende dieses doch sehr langen Artikels… Nur zwei Sachen noch: 1) Wir sind über die gleiche Versicherung wie die Bundeswehr versichert, das ist irgendwie beruhigend und 2) Da es sowohl Strand als auch Surfschule gibt, kann ich in meiner Freizeit vielleicht surfen lernen! Ich freue mich! 🙂

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