Ich mag Ghana. Die Atmosphäre hier ist einfach toll. Alle Leute, die ich bisher kennengelernt habe, sehen sich nicht erst nach rechts und links um, bevor sie etwas tun, sondern sie machen es einfach. Die „Coolness“ oder die hohe Stelle in der sozialen Hierarchie, die besonders vielen Jugendlichen in Deutschland so wichtig sind, werden nach meinem ersten Eindruck nicht so stark bewertet und spielen generell eine kleinere Rolle.

Mir ist aufgefallen, dass die Fotos, die ich gemacht habe, früher Gedanken a´la „Was für Zustände!“ in mir ausgelöst hätten, aber die Bilder geben einfach nicht den Eindruck wieder, den man gewinnt, wenn man hier ist. Mitleid oder Ähnliches ist einfach vollkommen deplatziert, weil die Leute hier einfach nur entspannt ihr Leben leben. Und das zumeist mit guter Laune. Ein Beispiel für den falschen Eindruck stellen die Häuserfassaden dar: Ja, sie sehen alt aus, aber man darf nicht vergessen, dass hier salziger Seewind weht – in Venedig sehen die Häuser teilweise deutlich schlimmer aus. Und mein Zimmer – ich komme hier super klar, ich merke nur, wie viel unnötiges Zeug ich in Deutschland besitze :).

WIEDERVERWERTUNG & MÜLL

Was mich wirklich beeindruckt, ist wie Sachen hier wiederverwendet werden. Da nach dem Kaufen von Essen häufig kaum Geld übrigbleibt, werden die Leute hier kreativ: Der Trick, Plastiktüten (die man hier übrigens bei jedem Einkauf bekommt) wiederzuverwenden, wird ja auch teilweise in Deutschland angewendet. Aber in Ghana werden sogar die Kartons als Regalschubladen umfunktioniert, einer meiner Wassereimer hat früher Waschpulver oder etwas ähnliches beinhaltet und mein Bett steht auf Baupaletten. Damit die Vorhänge nicht hochwehen, legt man Steine darauf und so weiter. Alles ist praktisch und durchdacht. Wir leben hier sparsam: Bei dem Regen gestern haben wir unsere Wascheimer rausgestellt, damit die Wassertanks sich nicht so schnell leeren. Und wenn zum Beispiel Moda Fisch kocht oder frittiert und Abfälle übrigbleiben, kriegen die Katzen diese. Die wenigen restlichen Bioabfälle werfen wir einfach ins Gebüsch. In Ghana gibt es ein Müllverwertungssystem, aber leider ist davon noch nichts in Kokrobite angekommen. Deshalb wird der restliche Müll gesammelt und verbrannt.

ÄLTERE

Ich habe ja schon gesagt, dass Ehrerbietung gegenüber Älteren sehr wichtig ist. Also zum Beispiel das ausdrücklich höfliche Grüßen, jedes Mal, wenn man einen älteren Verwandten einer Person sieht, mit der man befreundet ist. Aber heftig finde ich, dass Ältere bei Uneinigkeiten automatisch „Recht haben“. Und falls sie sich doch mal irren, wird nicht mehr drüber gesprochen. Das heißt, es gibt kaum Möglichkeiten, zu diskutieren oder Streitigkeiten zu klären und Vieles verbleibt ungesagt. Eine gute Nachricht für mich gibt es übrigens: In Ghana stellt es anders als ich erwartet habe keinen Fauxpas dar, wenn man Älteren in die Augen schaut.

INTERESSANTE BEOBACHTUNGEN

1. Hier gibt es wirklich günstiges Flaschenwasser. Nur das soll ich für den Anfang trinken. Was interessant ist: Es schmeckt süßer als 
in Deutschland, und zwar jede einzelne Flasche. Ich habe keine Ahnung, woran das liegt.

2. Hier laufen Tiere frei rum. Nicht nur Katzen, sondern auch Gänse, Hühner und vor allem Ziegen. Außerhalb von Kokrobite sieht man sogar 
manchmal Kühe auf den Straßen.

3. Breite Kieferknochen, das Zurückgehen von Babyspeck… Wisst ihr, wann ein Gesicht in Ghana als erwachsen gilt? Wenn ihm ein Bart wächst. Deshalb tragen hier fast alle Männer einen Bart, meistens einen „Ziegenbart“.

4. Am zweiten Tag habe ich gesagt, dass ich mir einen Gecko im Zimmer wünsche. Geckos fressen Insekten, das heißt, auch Moskitos und gehen nicht an das menschliche Essen. Mara und Issah eröffneten mir aber, dass Geckos hier gar keinen guten Ruf haben: Es wird gesagt, sie seien Spione und würden Gespräche mithören für zum Beispiel Leute, die man nicht mag. Es gibt aber auch noch einen praktischen Grund für die fehlende Begeisterung über Geckos: Man hat keine Lust auf deren Kot, den sie im Haus verteilen – das verstehe ich sehr gut.

5. Es gibt eine Pflanze namens Bitterleaf, die hier einige Leute als Tee zu sich nehmen. Weil der Tee soo bitter ist, kann man ihn einmal die Woche trinken und wird dann nicht von Moskitos gestochen – wurde mir gesagt. Der Wahnsinn, oder?

Ich laufe die ganze Zeit mit untertassengroßen Augen durch die Gegend, weil alles so neu ist – und ich lieb’s 🙂

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