VERKEHR
Ich habe ja schon am Rande erwähnt, dass der Verkehr hier anders ist als in Deutschland. Aber nach ein paar Tagen Hin- und Rückfahrten nach Accra wegen der „Residence Permit“ dachte ich, ich widme dem Ganzen mal einen Artikel. Kurze Anmerkung nebenbei: Hier ist der Papierkram genauso schlimm wie in Deutschland, aber die Beamten sind zu größten Teil besser gelaunt. Manche singen sogar bei der Arbeit 🙂
Aber zurück zum Thema:
Bolt ist ein Beispiel für eine App, die wir hier anstelle von Uber nutzen, da sie günstiger ist. Man gibt in der App ein, wo man hinmöchte, und Fahrer mit Auto holen einen ab. Das Ganze ist ziemlich günstig: Für 90 Minuten Fahrt habe ich beispielsweise 65 GHC (=6,50 €) bezahlt. Aber alles hat auch einen Haken: Gerade als Weiße müssen wir (Mara und ich) aufpassen, dass keine unnötigen Wege gefahren werden, um den Preis zu steigern (nun, diese Praxis kennen Touristen aus vielen Ländern …). Anschnallgurte werden hier eigentlich nicht benutzt. Und in den drei Tagen, an denen ich Bolt nutze, saß ich schon in einem Auto mit Kabeln statt Pedalen und in einem Auto ohne Innenspiegel – relativ beängstigend, vor allem, weil ich hier noch von keinem einzigen Fahrer einen Schulterblick gesehen habe (Ich bin noch voll drin, im Führerschein-Modus).
Stattdessen wird viel gehupt. Wenn jemand zu weit auf der Straße läuft, weil es keinen Bürgersteig gibt, wenn ein Auto auf zwei „Spuren“ gleichzeitig fährt, weil es keine Fahrbahnmarkierungen gibt oder wenn jemand einem in den Weg fährt. Es gilt: Wer hinter einem fährt, muss abbremsen. Bei der Fahrt zu telefonieren, ist normal.
Um den Führerschein zu bekommen, muss man eigentlich nur die richtige Person bezahlen. Trotzdem haben die geübteren Leute das Fahren hier echt drauf, nur halt ganz anders als in Deutschland. Es gibt teilweise wirklich tiefe und große Schlaglöcher auf der Straße und Risse auf den Wegen, die mit jedem Regen größer werden, während die Straßen immer schmaler werden, weil ihre Ränder fortgespült werden. Deshalb müssen die Fahrer genau einschätzen können, wie sie ihr Auto ohne Schäden durch die Straßen Accras hindurchmanövrieren. Und um durch den eigentlich immerwährenden Stau in Accra durchzukommen, braucht man ein wirklich großes Pensum an Gelassenheit. Man fährt mit dem Auto generell nur selten schneller als 60 km/h.
Mit dem Auto braucht man deshalb meistens mindestens 80 Minuten von Kokrobite nach Accra (ca. 30 km). Schneller voran kommt man generell mit dem Motorrad. Ich traue mich noch nicht mit Issah auf die Autobahn nach Accra, aber Mara hat erzählt, dass man in 30 Minuten ankommt. Innerhalb von Kokrobite waren Issah und ich allerdings schon auf dem Motorrad unterwegs: Mama, wenn du das hier liest, es tut mir leid, aber ich trage keinen Helm.
In Accra Straßen zu überqueren, ist auch eine Mutprobe: Es sind kaum Ampeln vorhanden und so kann es durchaus vorkommen, dass man über ein dreispuriges Verkehrschaos rennen muss.
Das Trotro ist ein weiteres Fortbewegungsmittel. Eigentlich jeder Bulli, den man hier sieht, ist einer dieser Personentransport-Minibusse. Deshalb gibt es auch keine extra Trotro-Kennzeichnung. Achso, und die Bullis sind so umgebaut, dass mehr Sitze reinpassen. Teilweise muss man halb zur hintersten Sitzreihe klettern. Eine wichtige Person ist der sogenannte Mate: Er sammelt von Neueingestiegenen 5-10 GHC (50 ct – 1 €) für die Fahrt ein. Außerdem lädt er weitere Mitfahrer ein, wenn noch jemand reinpasst, und signalisiert dem Fahrer anzuhalten, wenn jemand aussteigen will. Dies kann an jeder beliebigen Stelle sein – dem Busfahrer ist nur seine Fahrtroute vorgegeben, keine Haltestellen.
POLITIK
Ich weiß bisher noch nicht wirklich viel über die politische Lage hier im Land, deshalb an dieser Stelle einige erste Beobachtungen:
Der jetzige Präsident heißt Nana Akufo-Addo. Manche glauben, dass er mehr Staatsgeld für gute Schulen oder Straßen ausgeben solle als für andere Belange.
Am Samstag nach meiner Ankunft war ich mit Mara, Iassah und einem weiteren Freund auf dem „Global Citizen Festival Accra“. Es war ein extrem tolles und aufwändiges Event mit vielen großen Acts. Lange Rede, kurzer Sinn: Bevor wir ankamen, hat der Präsident eine Rede gehalten. Das Publikum hat ihn gnadenlos ausgebuht.
Das Problem könnte sein – so wird gemunkelt – dass eigentlich alle Politiker in Ghana aus wohlhabenden Familien stammen und oft im Ausland studiert haben. So gibt es eine große Kluft zwischen Bildungselite und „normaler“ Bevölkerung. Die Bedüfnisse der Arbeiter können nicht richtig erkannt und berücksichtigt werden. In Ghana wurde kaum eine Demonstrationskultur aufgebaut und die Leute haben auch oft keine Zeit dafür. Zusammenfassend gibt es für die weniger gebildeten Leute kaum eine Möglichkeit zu politischer Partizipation.
Das Gesundheitssystem scheint dagegen recht gut ausgebaut zu sein (in Accra), denn Krankenhäuser gibt es hier echt viele, wohl weil damit gut Geld verdient werden kann.
Ein kurzes Nachwort: Ich weiß, meine Eindrücke vom Verkehr hören sich krass an, aber wenn man aufpasst, kann einem eigentlich nichts passieren. Also macht euch keine Sorgen 🙂
2 Kommentare zu „Verkehr & Politik“
Hallo Insa,
gibt es in Ghana eigentlich Fahrräder?
Liebe Grüße von Deiner Cousine Lenja
Hey Lenja,
ja, in Ghana gibt es Fahrräder, aber nur wenige. Und es gibt leider keine Fahrradwege.
Alles Liebe
Insa