Euer letzter Stand ist glaube ich, dass ich zwischen den Klassen hin- und hergewechselt bin. Am Montag meiner zweiten Schulwoche bin ich dann aber zur Schulleiterin Pauline gegangen und habe mit ihr abgesprochen, dass ich in jeder Klasse für eine längere Zeit bin. (Eine Stufe ist eine Klasse.) Seitdem war ich also in der ersten Klasse und habe dort viele Höhe- und Tiefpunkte erlebt.

Als ich zuerst in die Klasse kam, war ich schockiert: Die alte Lehrerin bezeichnete ich in meinem Kopf als „Drachen“, weil sie genau so `rüberkam. Sie schrie die Kinder an, stieß Drohungen wie „Die Person, die redet, wird weinen“ aus und schlug die Kinder mit der flachen Hand oder Stiften bzw. schubste sie, wenn sie ihren Anweisungen nicht Folge leisteten. Ich vermute, dass sie sich ihrer Sache selbst nicht sicher ist, weil sie oft falsche Sachen an die Tafel schreibt. Ich korrigiere eigentlich jede Aufgabe, die die Kinder so machen. Das hieß für mich dann, dass ich ihre Fehler nicht mitkorrigieren konnte und teilweise Sachen für richtig befinden musste, die definitiv falsch waren. Ich versuchte ein paar Mal, etwas zu sagen, aber sie schob meine Einwände darauf, dass ich sie nicht verstehen könnte (weil sie mein Englisch nicht für gut befand?). Es war extrem frustrierend für mich, Sachen falsch zu korrigieren. Ich tat das, was mir in diesem Moment richtig erschien: Die Kinder möglichst lieb anlächeln, um ihre, wie es mir in diesem Moment erschien, Gemeinheit auszugleichen.

Ein Beispiel für eine Aufgabe, die ich falsch korrigieren musste. Finde den Fehler!



Auch sonst fühlte ich mich weiterhin nicht gut von den Lehrern aufgenommen. Mit Erstaunen beobachtete ich, dass sie in den Pausen zumeist auch untereinander nicht kommunizierten. Stattdessen saßen sie am Handy, während die Kinder in respektvollem Abstand um sie herumtobten.

In den folgenden Tagen fing ich an, mich in meinen neuen Alltag einzuleben. Und ich machte interessante Beobachtungen im Unterricht: Generell wird extrem viel auswendig gelernt, z.B. im Matheunterricht wird das Einmaleins laut vorgesagt, statt Rechentricks zu lernen (wie z.B. dass 5×9 die Hälfte von 10×9 ist). Auch das laute Wiederholen von Gelerntem mitten im Unterricht wird immer wieder gefordert. Eine beispielhafte Situation: Die Lehrerin sagt „Von schmutzigem Wasser kriegt man Cholera. Man kriegt was?“ und die Schüler antworten „Cholera!“. Dieses Unterrichtsmittel finde ich total gut, nicht nur wird das Einprägen von Stoff leichter, auch hilft es den Kindern, die zumeist fünf oder sechs Jahre alt sind, sich auf den Unterricht zu konzentrieren und macht mehr Spaß, als nur herumzusitzen.

Langsam fingen einige Lehrer an, mich mit einem Lächeln zu grüßen. In einer Mittagspause starten der Pfarrer und ich eine Diskussion über Religion. Er glaubt jedes Wort der Bibel und ich bin Atheistin, auch wenn ich die Existenz von etwas Größerem für möglich halte. Ja – es war eine lustige Diskussion. Auch wenn er eine Person ist, die ihrem Gesprächspartner nicht immer zuhört, waren wir, glaube ich, beide sehr froh, jemanden zum Reden zu haben. Dieser Pastor ist neben einem Lehrer, der unserer Diskussion amüsiert zugehört hat, mittlerweile meine engster Kontakt in der Schule. Ich hätte niemals gedacht, dass ich jemals freiwillig Zeit in der Nähe eines 65-jährigen(?), strengen Pastor verbringe, der ungerne jemanden ausreden lässt.

Ich lernte die Lehrertoilette kennen, aber ich denke, wir werden unsere Bekanntschaft nicht fortsetzen. Stattdessen kann ich mich für insgesamt ungefähr einen Euro von einem der Motorradfahrer nach Hause und zurück zur Schule fahren lassen, wenn’s drauf ankommt. Mein Schulweg dauert übrigens 15 Minuten, wenn ich schnell gehe. Die Shop-Besitzer am Straßenrand grüßen mich freundlich, mit zwei Näherinnen wechsele ich immer ein paar Worte. Ein bisschen schwierig ist es, einigen männlichen Shop-Betreibern zu erklären, warum ich sie immer noch nicht (!) angerufen habe.

Dann passierte etwas, was mich wirklich glücklich machte: Die Erste-Klasse-Lehrerin hat angefangen, auf mich zu hören, wenn ich sie auf Fehler anspreche – manchmal fragt sie mich sogar um Rat. Das sie zugibt, Sachen nicht zu wissen und Fehler zu machen, hat meine Achtung vor ihr extrem gesteigert. Diese Art von persönlicher Größe kommt meiner Meinung nach nicht oft vor, und gerade in Ghana, wo das Wort von Älteren eigentlich unantastbar ist, ist so ein Verhalten noch beeindruckender. Auch sonst beobachtete ich Szenen, die meine Sympathie ihr gegenüber steigerten: Wenn sie in der richtigen Stimmung ist, scherzt und lacht sie mit den Kindern, tanzt für sie und „verkuppelt“ sie miteinander.

Dann gab es wieder Momente, die positiven Gefühle wieder nichtig machten: Das eine Mal, als sie die Kinder zwang, ohne ein Wort mit guter Haltung eine Stude lang ohne Beschäftigung still an ihren Tischen zu sitzen, weil sie irgendeinen Papierkram erledigen musste. Und natürlich das erste Mal, wo ich sah, wie sie jemanden „cante (mit einem Stock schlug). Es war bei den Übungen für eine Gesangsvorführung am Tag der Graduation. Die Kinder sollten ein paar Lieder singen und dazu leichte Tanzbewegungen machen, lernten ihr aber zu langsam. Und so schlug sie einem der kleinen Jungs mit dem Stock über den Arm, während die Kinder von „Mercy of God“ und „Forgiving all sins“ sangen. Ich wusste schon, dass so etwas vielleicht passieren könnte, aber das Schlagen des Kindes traf mich viel härter als gedacht und ich war so wütend und traurig. Die Situation danach war eigentlich noch schlimmer: Die Kinder standen da und sangen ihre Lieder mit Angst in den Augen, der kleine Junge stand mittendrin versuchte zu singen, seine Tränen zurückzuhalten und seine Verstörung nicht zu zeigen. Die Lehrerin stand vor ihnen und schlug mit dem Rohrstock im Takt auf den Tisch.

Seitdem habe ich jedes Mal, wenn sie ein Kind schlagen wollte, mich energisch dagegen ausgesprochen. Sie „cant“ die Kinder jetzt nicht mehr in meiner Anwesenheit, aber dafür komme ich manchmal aus der Pause zurück in den Klassenraum, sehe ein tränenüberströmtes Gesicht und habe keine Ahnung, was vorgefallen ist.

Dieses Schild hängt im Raum der ersten Klasse


Der Job der Schule ist nach meinem Gefühl sehr viel härter als in Deutschland. Es steht natürlich nicht so viel Geld zur Verfügung, das heißt zum Beispiel, man kann nicht mal eben so Papier an die Kinder austeilen und sie malen lassen, weil kein Papier einfach im Klassenraum rumliegt. Und nicht alle Kinder haben Radiergummis oder Anspitzer und nicht jeder kann sich Buntstifte leisten. Aber in anderen Bereichen muss die Schule sehr viel mehr ausgleichen: Viele Eltern arbeiten lang und haben keine Zeit und/oder Lust, danach dem Kind noch mit Schulaufgaben zu helfen. Ich habe das Gefühl, dass auch das Vorlesen nicht sehr üblich ist – wie auch, wenn man teure Bücher kaufen müsste? 
Das, was mich am meisten geschockt hat, war die Hygieneerziehung, die die Schule leisten muss, und wie wenig davon bei den Kindern ankommt. 
Einmal habe ich eine Situation erlebt, wo die Lehrerin den Kindern genau erklärt hat, dass man durch verschmutztes Wasser oder nicht-Hände-Waschen nach dem Toilettengang die schlimme Durchfallerkrankung Cholera (oder, wie sie es nannte, Chorola) bekommen kann. Am Ende der Stunde bat mich ein Kind um Erlaubnis, auf die Toilette gehen zu dürfen, und kam zurück, ohne sich die Hände zu waschen. Ein Vogel kotete ihm auf dem Weg zurück auf die Hand, und es verrieb das Ganze einfach und wollte zurück in den Klassenraum, um seine Schale für die Mittagessen zu holen. Lecker! 

Auch sonst gibt es einige Verständnisprobleme – ganz extrem: Wie erklärt man einem Kind, das noch nie einen Computer gesehen hat, wie ein solcher funktioniert?

Was ich nicht erwartet hätte, ist das hohe Niveau an Mathematik, auf welchen die Kinder lernen. Gut, die Lehrerin bringt ihnen nicht immer alles richtig bei, aber einfache schriftliche Subtraktion und Multiplikation bis 6×6 können die Erstklässler schon. Sie schreiben viel ab (weil die meisten Aufgaben von der Lehrerin an der Tafel und nicht selbstständig gelöst werden), deshalb können sie das auch gut, Lesen ist hingegen deutlich schwieriger für sie. Schön ist, dass – auch wenn die Sunbeam eine christliche Schule ist – die Kinder im Unterricht Wissen über andere Religionen mit Achtung und Respekt vermittelt bekommen – wohlwollender auch, als ich es in meiner Schule in Münster erlebt habe. So hat die Lehrerin ihnen zum Beispiel ein Gebetslied der Muslime beigebracht und ihnen über die Rituale der Ureinwohner erzählt.

Oh, und für die Halbjahresexamen der ersten Klasse mussten die Kinder direkt am Tag davor bezahlen und dann drei Fächer (jew. ca. 1h) pro Tag schreiben. Das tat mir dann schon leid.


Der „Drache“ hat bestimmte Unterrichtsmethoden, wie ich beobachtet habe. 
Sie vertritt den autoritären Erziehungsstil, wie er im Lehrbuch steht. Am Anfang einer Stunde ist sie immer besonders gemein, um ihre Autorität zu sichern. Sie lässt laute Schüler vor der Tafel knien, schlägt sie, wie gesagt, mit Händen oder Gegenständen und schreit sie natürlich an. Die Schüler verpetzen Fehlverhalten anderer ohne Hemmungen. Die Kinder werden leise, die Stunde schreitet voran. Wenn ein Schüler eine wirklich gute Antwort gibt, werden die anderen zum Applaudieren aufgefordert, bei einem Unwissen in einem Bereich, den er wissen sollte oder gröberen Fehlverhalten, wird „Shame!“ in seine Richtung gerufen. Zum Ende der Stunde wird die Lehrerin lockerer und lustiger.

In den Pausen habe ich die Kinder als wild, frei und intelligent wahrgenommen, sie waren sehr darauf bedacht, mir zu gefallen. Überall wurden mir Stühle nachgetragen – ein Zeichen des Respekts, für mich erst komisch, dass mir ein Erstklässler einen Stuhl nachträgt, der größer ist als er selbst. Ich verurteilte die schlechte Behandlung meiner kleinen Schätzchen uneingeschränkt. So erlebte ich mein blaues Wunder, als mich der „Drache“ das erste Mal alleine ließ mit der Klasse. Plötzlich war da ein Höllenlärm, die Kinder standen auf von ihren Sitzen. Als ein paar zu mir meinten, ich solle ihre Mitschüler „Canen“ und ich sagte, das würde ich nie tun, war alles vorbei. Die Lautstärke rief irgendwann andere Lehrer herbei, die die Kinder wieder unter Kontrolle brachten. Bald darauf ging alles von vorne los. Eins kann ich jetzt sagen: Ich weiß jetzt, wie sich so mancher Referendar in meiner Klasse in Münster gefühlt haben muss.

In den folgenden Malen versuchte ich Verschiedenstes, um die Kinder für gutes Verhalten positiv zu bestärken: Spiele wie Galgenmännchen, Zwei-Gruppen-Quiz mit Matheaufgaben, Pizzamassagen, nachdem die Kinder zwei Minute ruhig waren und so weiter. Es lief mal schlecht und mal schlimmer, denn im Großen und Ganzen sind die Kleinen abgestumpft gegen Schreien und respektlos, weil sie wissen, dass ich ihnen nicht wehtun werde. Selbst als 
ich in meiner Verzweiflung Kinder vor der Tafel knien ließ und sie zu ihren Plätzen schob und aufhörte, sie anzulächeln, wenn die Lehrerin da war, herrschte Sodom und Gomorrha im Klassenraum, sobald sie verschwand. 
Die Kinder können wirklich richtige Teufelchen sein. Ich meine, ich stehe vor einem und schreie es an, dass es sich hinsetzen soll und es lacht mich aus. Wenn sich die Kinder wie ungehorsame Tiere verhalten, argumentiert der „Drache“, wenn sie ihnen wehtut, dann muss man sie auch so behandeln. Schulen hier argumentieren, dass sie die Kinder schlagen müssen, weil sie zuhause geschlagen werden und sonst nicht hören, und die Haushalte argumentieren, dass die Kinder in der Schule Schläge kriegen und sonst zuhause nicht hören. Der „Drache“ sieht das Schlagen deshalb als Notwendigkeit. Mir wurde zugetragen, dass Lehrer ihre Schüler beispielsweise – außer am Tag des Workships – „canen“, wenn sie zu spät zur Schule kommen.

Ich wechsele ja jetzt wie geplant zur zweiten Klasse, die einen wirklich schlimmen Ruf hat, hoffe aber trotzdem, dass alles besser wird. Aber selbst wenn nicht – Ich werde kein Kind schlagen. Das ist nicht selbstverständlich, ich habe gehört, dass manche Freiwillige damit anfangen. Ich glaube, wenn man nicht aufpasst, kann man schnell gegen diese Gewalt abstumpfen.

Ich genieße die Sicht auf den Schulgarten, in dem Teile unseres Mittagessens angebaut werden, die freilaufenden Hühner, sie sich von heruntergefallenem Essen ernähren, und das Müllsystem der Schule. Flaschen, Papier und Restmüll (?) werden getrennt gesammelt. Durch den Verkauf der leeren Flaschen konnten die beiden anderen Tonnen und später auch der Müllabtransport finanziert werden.

Was ich auch noch erwähnen wollte: Ich habe auch den Tag der Graduation (leider nicht den Tag der Feierlichkeiten dazu) der Abschlussklasse mitbekommen. In der Schule gibt es extra ein paar Schüler, die beispielsweise zum Worship oder zu größeren Anlässen die Schultrommeln spielen. Das gibt eine unglaubliche Atmosphäre und bewegt zum Tanzen und Feiern. Nun ja, auf jeden Fall fingen sie an zu spielen. Dann tauchte der Bus mit den Schülern auf, die gerade ihr letztes Examen geschrieben hatten. Alle Schüler und Lehrer rannten aus den Klassenräumen, um die 
Graduenten zu umarmen und um sie herumzutanzen. Eine schöne Tradition an der Sunbeam ist es, dass die Lehrer die Abschlussklasse mit Waschpulver bewerfen. Es war eine unglaubliche Stimmung, manche weinten, weil sie die Schule nicht verlassen wollten, und überall wurde getanzt.

Insgesamt wird hier mein schwarz-weiß-Denken enorm aufgeweicht. Ich dachte immer, sobald jemand ein Kind schlägt, würde ich diese Person hassen, aber richtig oft finde ich die Erste-Klasse-Lehrerin, meinen „Drachen“, total sympathisch. Ich bin mal gespannt, wie es weitergeht – es ist so anstrengend, sich ständig Urteile mit so vielen Dimensionen bilden zu müssen. 🙂

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