Okay, zunächst möchte ich sagen, dass dieser Artikel natürlich nur meine eigene Wahrnehmung wiedergibt und es mir sicherlich kaum möglich ist, objektiv über diese Themen zu berichten. Ich kann mich nur auf persönlich erlebte Situationen hier in und um Kokrobite beziehen, aber Ghana ist groß und vor allem durch die verschiedenen Stämme innerhalb des Landes so unterschiedlich, dass ich glaube, nicht mal ein Ghanaer könnte alle lokalen Unterschiede erfassen. Und mir als einer erst seit 4 Monaten in Ghana lebende, weiße Deutschen werden mit Sicherheit noch viel mehr Eigenheiten der Kulturen hier verborgen bleiben. Trotzdem hier ein paar Eindrücke:

TIERRECHTE

Klar: Wenn Menschen leiden, werden Tierrechte natürlich nicht so großgeschrieben. Fast alle, die ich hier kennengelernt habe, haben schon „Bushmeat“ gegessen. Und mir wurde auch berichtet, dass während der Corona-Pandemie und kurz danach gehungert wurde, sodass zu dieser Zeit extrem wenige Hunde und Katzen auf den Straßen zu sehen waren. „Der Hunger treibt vieles rein“ – auch das, was wir als Haustiere halten. Bei Transporten von Tieren kann ich manchmal (nicht oft) schreckliche Szenen erblicken: Eine lebendige Ziege irgendwie festgezurrt in einer Schüssel auf dem Gepäckträger eines Motorrads, oder Ziegen, so an einem Auto festgebunden, dass sie dem Selbigen hinterherrennen müssen, wenn sie nicht mitgeschleift werden wollen.

Absurderweise habe ich trotzdem das Gefühl, dass die Tiere hier ein viel besseres Leben haben als in Deutschland. Zum Beispiel zunächst das „Schlachtvieh“, das bei uns an so vielen Orten in Massentierhaltung gehalten wird, während hier einfach Herdenhaltung stattfindet. Aber auch die „Haustiere“, (hier oft Hunde zum Bewachen oder Katzen zum Schlangenfressen) haben zumeist ein gutes Leben (wenn auch die Hunde manchmal geschlagen werden): frei und vor allem sozial. Die Tiere hier haben viele Artgenossen, weil sie sich unkontrolliert vermehren, allerdings nicht zu viele, weil die natürliche Selektion dann doch noch durchschlägt. Man sieht in Kokrobite erstaunlich wenige Streuner auf den Straßen. Tierbabys werden nicht direkt von ihren Müttern getrennt, daher habe ich zum ersten Mal beobachten können, wie Katzenfamilien sich natürlicherweise verhalten. Dass wir denen das Kuscheln wegnehmen, nicht nur als Baby, sondern auch als „Kleinkind“, finde ich schon krass.

FRAUENRECHTE

Hier ist die Gesellschaft matriarchalisch geprägt. Das heißt, dass einerseits Sachen wie zum Beispiel die Clanabstammung in mütterlicher Linie vererbt werden, andererseits haben auch (vor allem die alten) Frauen im Haus das Sagen, Die Frauen sind für die Kindererziehung zuständig und arbeiten gleichzeitig. Sie werden als emotionaler angesehen. Der Mann gilt als stark und beispielsweise lachen Lehrer in der Schule Jungs aus, die weinen und erklären ihnen, sie würden ihre Schwestern beschämen.

In die Heirat ist die Familie oft immer noch recht stark involviert. Auch wenn die Frau ihren Partner ohne das Einverständnis ihrer Familie heiraten kann, findet eine starke Beeinflussung in allen Belangen statt, bis hin zum Widerspruch gegen das Hochzeitsdatum, weil eine andere, ältere Verwandte früher heiraten soll. Ehen können auch mit so einem Druck der Familie erzwungen werden, das man von einem arrangierten Bündnis sprechen kann.

Uneheliche Kinder sind schon eine Art Skandal und ich kann nicht mitzählen, wie oft ich schon gefragt wurde, ob ich verheiratet bin bzw. Kinder habe – einfach, weil das hier zum erstrebenswerten Lebensablauf gehört und ich mit 18 in passendem Alter bin. Eine unverheiratete Frau über 30 wird schon schief angesehen.

Sexuelle Aufklärung findet hier wenig statt, vor allem die Pille als Verhütungsmittel kennen kaum Leute in meinem Umkreis. Auch deshalb heiraten viele Leute früh: Es ist schon bekannt, dass „rausziehen“ nicht reicht, um keine Kinder zu bekommen und trotzdem wollen sie aber gerne Sex ohne Kondom haben bzw. haben Angst, dass das Kondom reißt. Genitalverstümmelung von Frauen wird im Norden des Landes noch betrieben, geht aber genau wie die Tradition der Tribal Marks (Dem Kind Narben im Gesicht zufügen, um seine Zugehörigkeit zu einem Stamm zu kennzeichnen) zurück. Ich selbst habe meines Wissens noch nie mit einer beschnittenen Frau gesprochen.

Ich kriege vom Leben im Haus etc. natürlich weniger mit als den Umgang mit Frauen auf der Straße. Hier gilt ganz klar: Der Mann spricht die Frau an, die ihm gefällt und versucht, sie zu „erobern“. Dabei werden zumindest bei mir Hinweise und Signale von Nicht-Interesse gerne ignoriert. Aber seitdem mir eine Bekannte erklärt hat, dass ihre Empfindung sei, „wenn der Mann nach einem Korb das Freien aufgebe, liebe er nicht wahrhaftig“, ist mir klar geworden, dass die Verdrehtheit des Frauenbildes (nach meinen Maßstäben) zumindest auch teilweise von den Frauen ausgeht. (Ich meine, im Grunde hat sie gesagt, dass „nein“ „ja“ heißt!). Frauen verlangen außerdem von Männern, ihnen Sachen zu kaufen.

Als ich hierhergekommen bin, habe ich sehr „anständige“ Klamotten eingepackt. Ihr wisst schon, Kleider in Knielänge und viele Schultern bedeckende Sachen ohne Ausschnitt. Als ich dann angekommen bin, ist mir relativ schnell aufgefallen, dass die Leute hier in Kokrobite komplett „normal“ rumlaufen. Vor allem tiefe Ausschnitte sind nicht ungewöhnlich, und bei Feiern tragen Ghanaerinnen durchaus auch bauchfrei und Hotpants. Schminke ist im Alltag eher ungewöhnlich, zum Ausgehen wird sich gerne gestylt, und die Fake-Wimpern dürfen natürlich nicht fehlen. Twerken auf Partys kommt auch nicht selten vor uns ich habe mit Schrecken festgestellt, dass nicht nur die Frauen, sondern auch viele Männer besser twerken können als ich. Nur zum Schwimmen wird sich „Vollständiger“ angezogen, als ich es gewohnt bin. Viele ziehen noch eine Sporthose drüber – ich auch, die Männer sind eh schon am Glotzen und formen Gruppen um „White Ladys“.

KINDERRECHTE

Kinderrechte sind generell ein schwieriges Thema. Zunächst ist da natürlich das Caning („Rohrstockeinsatz“) und generell das Schlagen von Kindern, was als ziemlich normal angesehen wird. Schule und Zuhause behaupten beide jeweils, dass das Kind ohne Schläge nicht zuhören würde, weil die andere Institution es jeweils auch schlägt und es damit unempfindlicher gegen Worte macht. Allerdings gibt es schon Grenzen, die gesellschaftlich zwar nicht geahndet werden, jedoch als negativ angesehen werden, wie das Schlagen eines blauen Auges. Dem körperlichen Schmerz eines Kindes wird generell weniger Wert zugemessen als dem eines Erwachsenen. Im Norden, wo die Tribalmarks noch häufiger sind, wurde mir außerdem erklärt, dass diese Narben dem Kind nach der Geburt zugefügt werden, weil es den Schmerz direkt danach wieder vergisst.

So wie ich es verstanden habe, gibt es hier zwar so etwas wie das Jugendamt, allerdings funktioniert es anders als in Deutschland. Einerseits werden hier Kinder an Bekannte und Verwandte weggegeben, wenn sich die richtigen Eltern nicht gut um sie kümmern können. Dadurch, dass an das Elternsein nach meinem Gefühl hier allgemein geringere Ansprüche gestellt werden (wer sein Kind gut ernährt, nicht halb totprügelt und zur Schule schickt, gilt eigentlich schon als stabiler Part im Leben des Kindes), können viele Leute diese Aufgabe scheinbar gut erfüllen. Man trifft hier kaum ein Kind, das in nur einer Stadt aufgewachsen ist und nicht bei Verwandten oder in einem Internat gelebt hat. Andererseits hat das Jugendamt nach meinem Wissen nur beschränkte Handlungsmöglichkeiten. Ich habe ein Mädchen getroffen, das noch nicht einmal 10 Jahre alt war und eine Kindheit mit so vielen Misshandlungen erleben musste, dass es keinen Schmerz mehr verspüren konnte. Dazu kam noch sexueller Missbrauch durch verschiedene Personen. Das Kind sollte weiter in Kokrobite bleiben, bei Verwandten, die sich dem in jeder Hinsicht sozial auffälligen Mädchen in keinster Weise angemessen widmen konnten. Die Verwandten wollten es schließlich in die Obhut des „Jugendamts“ geben, das ging aber nicht aufgrund einer fehlenden Unterschrift des leiblichen Vaters.  Dem war das Mädchen völlig egal – aber das Recht auf die „Freigabe“ ans Jugendamt hatte er dennoch.

Kulturell schulden hier Jüngere den Älteren Respekt. Das geht so weit, dass die Kinder teilweise mehr in Haushaltsarbeiten involviert sind als die Erwachsenen. Damit wird schon früh angefangen: Ein kleines Kind trägt sein Badwasser im Eimer selbstverständlich selbst. Gemeinsame Unternehmungen und Dinge wie Vorlesen habe ich in meinem Umfeld kaum mitbekommen. Auch der Schulweg wird allein bewältigt. Das liegt einerseits an der mangelnden Zeit (Arbeit) der Erwachsenen, andererseits auch daran, dass es einfach nicht in der Norm liegt. Die Kleinkinder, die noch bei ihrer Mutter bleiben müssen, verbringen allerdings viel Zeit in einem Tuch, das an ihren Körper gebunden wird. Körperliche Nähe zur Mutter ist in diesem Alter nur gesund – und das erleben die Kleinen sehr intensiv.

Jugendliche und Kinder haben untereinander zumeist ein sehr enges Verhältnis. Alle sind es gewohnt, schon im Alter von sieben Jahren Babys hin- und herzutragen und ältere Geschwister helfen wie selbstverständlich, die Jüngeren aufzuziehen. Auch innerhalb der Schulgemeinde ist das Verhältnis zwischen den Jahrgängen enger, als ich es in Deutschland erlebt habe. Die Älteren kümmern sich um die Jüngeren oder ermahnen sie, sich an die Regeln zu halten und nach meinem Gefühl kennt jeder der über 300 Schüler den Namen aller anderen.

2 Kommentare zu „Tier-, Frauen- und Kinderrechte“

  1. Whow! Ich beeindruckt wie analytisch und präzise du beobachtest OHNE in eine Wertung zu verfallen, die uns Europäern oft so selbstverständlich erscheint.
    Ich war 4 Wochen in Ghana, als dort noch kein Hunger herrschte,. Vor 25 Jahren und habe mitbekommen wie alles❗️ was Wert hatte, Bäume, Kaffee, Kakao, …. völlig unterbezahlt ohne jede Nachhaltigkeit nach Europa oder China verschifft wurde.
    Toll das du schon Verständnis für das „anders“ sein der Menschen hast, das fehlt hier vielen. Und wie zäh du selbst bist mit 18 nicht zu verzweifeln in so fremdem Umfeld. Mich zieht nichts zurück, ausser die Fischerboote in Capecoast, Die wahrscheinlich schon lange keinen Fisch mehr finden, und Wohnzimmer irgendwelcher Europäer zieren.
    Weiter so, du hast eine Erfahrung gemacht die dich stärkt Europa zu verbessern! Fairer zu machen. ♥️

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