REISE
Weil die anderen Freiwilligen des Freundeskreises Afrika in Togo platziert sind und die Organisation ja ziemlich klein ist, haben wir uns dem Seminar einer anderen Organisation angeschlossen. Dafür musste ich dann tatsächlich Ghana verlassen und in den Nachbarstaat Togo reisen. Erst einmal habe mir total den Stress gemacht, um eine Begleitung zu organisieren, damit ich nicht am Ende alleine, ohne Französischkenntnisse und ohne SIM-Karte (das heißt, auch ohne Übersetzer, Hilferufs-Möglichkeit und Google Maps) in einem mir völlig unbekannten Land stehe. Das Ganze hat dann aber doch geklappt – nur halt unter der Bedingung, dass ich einen Tag vor dem eigentlichen Termin anreise. Letztendlich bin ich (um 5:30 Uhr morgens) mit Issah auf dem Motorrad zur Busstation gefahren und von da aus weiter ca. 400 km mit dem Bus zur Grenze. Dort musste ich dann Ghana verlassen und in Togo ankommen – das heißt, jede Menge Papierkram ausfüllen. Zum Glück hatte ich nicht nur meinen Reisepass, sondern auch meinen deutschen Impfpass dabei, der wegen der Corona- und Gelbfieberimpfung benötigt wurde und erstaunlicherweise noch gültig war. Auf der anderen Seite half mir dann ein netter, englischsprachiger Togolese meine Begleitung zu finden – er rief dafür sogar bei ihr an und erklärte ihr wo ich bin. Bald darauf wurde ich auch schon abgeholt und mit dem Auto zum Hotel gebracht, das ca. 90 Minuten von der Grenze entfernt war. Dort wurde ich dann auf mein Zimmer gesetzt und dann hieß es: warten …
SEMINAR
Das Warten auf das Eintreffen der anderen Teilnehmer am nächsten Tag um 15:00 Uhr gestaltete sich als ziemlich langweilig. Ohne mit irgendwem reden zu können und mit WLAN, das nur vor der Rezeption funktioniert (ein Buch hat in mein Gepäck nicht mehr reingepasst) hatte ich viel zu viel Zeit, mich mit mir selber zu beschäftigen. Jetzt vermisste ich nicht ein, sondern zwei „Zuhause“ und hatte noch dazu Angst, mich nicht in die Seminargruppe integrieren zu können, deren Teilnehmer sich alle untereinander bereits kannten. Ich schaute ein bisschen auf den „Lac Togo“- See hinaus und ging früh ins Bett. Am nächsten Tag machte ich einen Spaziergang, um mich abzulenken. Mutig ohne Orientierungssinn. OK, andererseits war’s nur eine gerade Straße, auf der ich langlief. Genau wie in Ghana wurde ich viel angesprochen, aber meine englische Antwort schreckte die meisten ab. Viel zu sehen gab es nicht, also kehrte ich nach einer Weile um und setzte mich wieder vor die Rezeption.

Das Warten hatte dann auch irgendwann in Ende. Die ersten Leute trafen ein und ich bekam eine Zimmernachbarin.
Ich will Euch nicht langweilen, deshalb ab jetzt alles ein bisschen kompakter:
Im Seminar waren die Hauptthemen unsere bisherigen Erlebnisse, Problemlösungen und welche Ressourcen wir dafür nutzen, Abgleich von Vorurteilen, die wir vorher hatten, mit der Realität und konkrete Planung für zukünftiges Engagement.

Wir waren ca. 15 Leute, die zum großen Teil in der Schule arbeiteten, aber es gab auch Filmemacher oder Krankenschwestern. Ich habe mich super mit den Anderen verstanden.
INTERESSANTE ERKENNTNISSE
Erst einmal eine Erkenntnis zu den Weltwärts-Freiwilligen: Wir sind leider immer noch eine relativ homogene Gruppe, der typische Freiwillige ist zumeist weiblich, hat Abitur und stammt aus einem oft deutschen und „guten“ Elternhaus und hat tendenziell eine eher linke, „Fridays for Future“-politische Orientierung.
Uns ist aufgefallen, dass wir in Togo/Ghana immer für Besucher gehalten werden (was wir ja auch sind). Generell habe ich aber auch schon von Leuten, die halb oder ganz in Afrika leben, mitbekommen, dass niemals erwartet wird, dass als Weiße hier ihren Wohnsitz haben. Im Gegensatz dazu werden schwarze Menschen in Deutschland fast immer für dort wohnhaft gehalten, ein schwarzer Tourist wird nicht erwartet. Das ist meiner Meinung nach ein interessanter Gegensatz.
Wir diskutierten über eine weitere Besonderheit, die sehr gegensätzlich ist in beiden Gesellschaften. Uns fällt sehr leicht, über den harten Umgang mit Kindern hier zu urteilen. Dabei gibt es bei der Sicht auf die verschiedenen Generationen noch eine andere Seite – seltsamerweise bin ich mir vor dem Seminar noch nicht der Verschiebung bewusst geworden, die parallel mit dem niedrigeren Respekt vor den Jüngeren einhergeht. Es ist die Wertschätzung der älteren Generation, das regelmäßige Besuchen und Kümmern um die Alten, das Fragen um Rat – all das ist hier selbstverständlich. Die Teamleiterin hat von Teilnehmenden der Süd-Nord-Komponente des Weltwärtsdienstes – also von Leuten aus Togo mit einem Dienst in Deutschland – berichtet, die häufiger mal in Richtung Altenpflege eingesetzt werden. Sie waren komplett entsetzt darüber, was wir unserer älteren Generation „antun“.
Außerdem wurde mir von den anderen Freiwilligen natürlich auch noch einiges über Togo berichtet, aber das werde ich hier nicht niederschreiben, weil es Informationen aus zweiter Hand sind. Nur eins: In Togo werden Deutsche meistens sehr positiv angesehen, weil sie in der Kolonialzeit Straßen, Brunnen, Wasserpumpen und Gebäude gebaut haben, während die Franzosen als Kolonialherrn und Sklavenhändler einen eher schlechten Leumund haben. Dass die Deutschen die Infrastruktur als Vorbereitung auf den Sklavenhandel gebaut haben, wird dabei großzügig übersehen. Außerdem sei die togolesische Gesellschaft patriarchalisch, während die ghanaische Gesellschaft eher matriarchalisch geprägt ist.
AUSFLUG NACH TOGOVILLE
Ein bisschen was bekam ich dann doch noch zu sehen, wenn auch auf sehr touristische Art: Wir fuhren mit dem Boot nach Togoville und machten dort eine Führung. Uns wurde eine Kirche gezeigt, die nach einer Mariensichtung gebaut wurde, die irgendein Papst beglaubigt hat. Dafür ist er sogar in den Ort gekommen.



Diese Gelegenheit gab mir auch nochmal zu denken, wie krass es ist, dass in so kurzer Zeit das Christentum als mit Gewalt aufgezwungene Religion wirklich so tiefe Wurzeln in die hiesige Kultur schlagen konnte.
Außerdem haben wir noch ein Symbol für die Deutsch-Togoische Freundschaft gesehen…

….einen Baum, unter dem man für die Geburt von Zwillingen betet…

… eine Statue, die signalisiert, dass man Weisheit und Rat nicht immer in der Schule suchen sollte…

….einen traditionelle Stoffe webenden Mann…

… und, sehr interessant, Vodoo-Figuren, ca. 1 m groß, zu denen man beten kann und denen Sachen geopfert werden, wenn die Gebete in Erfüllung gehen. Leider konnte ich davon kein Foto machen.
Es ist für mich immer komisch, in so großen, weißen Gruppen unterwegs zu sein. Ich fühle mich direkt wie eine totale Touristin und mir wird es unangenehmer, Preise herunterzuhandeln.
RÜCKWEG
Ich habe mich wegen des Hin- und Rückwegs vorher so gestresst, dass ich irgendwann an einem „Alles-Egal“-Punkt angekommen bin und alles einfach auf mich zukommen lassen habe. Mit einem Taxi bin ich bis zur Grenze gefahren, dann mit einem irgendwie sehr langsamen Bus bis nach Accra. Uns ist dann auf der Fahrt noch ein Reifen geplatzt. Daraufhin bin ich noch mit zwei Trotros und einem Shared Taxi nach Kokrobite gefahren. Um 23:00 Uhr war ich dann zu Hause und habe wieder Mal gelernt, dass man auch zum Ziel kommt, wenn man einfach gelassen bleibt – und das meistens sogar besser.
ZUSAMMENFASSUNG
Insgesamt war das Seminar eine schöne Erfahrung und hat mich wirklich etwas weiter gebracht. Ich werde immer selbstbewusster und mutiger, sowohl bei der Integration in fremde Gruppen als auch beim Reisen und generellen Umgang mit unerwarteten Situationen. Ich freue mich auf jeden Fall auf meine restliche Zeit hier!