Jetzt lebe ich schon so lange hier, und Ihr habt noch keine Ahnung, wie ich mich versorge!
WÄHRUNG & PREISE
Die hier genutzte Währung ist der Ghana Cedi (= 100 Pesewa). GHS ist die offizielle Abkürzung, in der Bevölkerung wird aber eher GHC genutzt. Ein Euro ist gerade ca. 11,89 Cedi wert. Der Gegenwert wechselt aber ziemlich stark, 2019 betrug das Verhältnis der Währungen 1:5,87, als ich in Ghana ankam 1:10, einen Monat später 1:15 und jetzt pendelt es immer irgendwo dazwischen hin und her. Die Inflation macht das Ganze natürlich schlimmer, und Politiker machen gerne den Ukrainekrieg und Corona für alles verantwortlich (wie überall).

Die Preise hier in Ghana sind für uns Deutsche sehr komfortabel: Man kann sich hier für 3 €/Tag gesund ernähren und eine Fahrt von 40 Minuten Länge mit dem Shared Taxi für vier Personen kostet teilweise weniger als 60 Cent. Trotros sind noch günstiger. Ein Yard hochwertigen Baumwollstoffes kostet weniger als 2,50 € (Zum Vergleich: man braucht ungefähr drei Yard für ein knielanges Kleid). Maßgeschneiderte Shorts bekommt man für unter sechs Euro, ein maßgeschneidertes Kleid für dreizehn Euro.
Gleichzeitig bedeutet das natürlich, dass die von Menschen geleistete Arbeit sehr schlecht bezahlt wird. Besonders schockiert hat mich das Gehalt von befreundeten Lehrern in meinem Umfeld. Sie studieren gleichzeitig und haben deshalb natürlich noch nicht so lange im Lehrerberuf gearbeitet, aber trotzdem sind sie täglich locker acht Stunden in der Schule, sorgen für einen geregelten Ablauf des Unterrichts und korrigieren dann noch unzählige Klassenarbeiten. Und der Lohn? Mir wurde von jeweils 300, 350, 400 und 450 GHS erzählt. Das macht also weniger als 1 bis 1,50 € pro Tag. Für den im Gegensatz in Deutschland – seien wir mal ehrlich – recht gut bezahlten Lehrerberuf.
WIRTSCHAFT
Ghanas Wirtschaft ist – wie ihr wahrscheinlich selbst wisst – nicht stabil. Vor allem Korruption macht dem Land zu schaffen. Korruption gibt es sowohl im „Kleinen“, also dass man oft Geld in die Hand nehmen muss, um z.B. ein Vorstellungsgespräch zu bekommen, aber natürlich auch im „Großen“: in der Politik. Die beiden großen Parteien sind einander ziemlich ähnlich und genießen in der Bevölkerung meines Wissens kein besonders großes Vertrauen. Aber die wirklich gruselige Entwicklung besteht nach meinem Empfinden in Richtung China: Mir wurde von verschiedenen Quellen erzählt, dass der Staat unglaublich viel Geld an Ghana verleiht – gegen bestimmte Privilegien wie Fischerrechte. Das heißt, dass die kleinen, ghanaischen Holzbötchen dann plötzliche gegen riesige moderne Chinafrachter bestehen müssen, die ihnen den einen Großteil des Fangs wegfischen. Gleiche Entwicklungen finden im Rohstoffhandel statt. Es ist, als würde China Ghana langsam aufkaufen.
Interessant ist die Arbeitsmoral. Wirklich oft wird auf Hilfe von außen gewartet, statt selbst etwas zu ändern. Dadurch wird auch häufig auf den „Weißen Retter“ gehofft, der mit Geld oder Kontakten aushelfen soll. Ein Beispiel ist die Situation einer befreundeten Volontärin: Sie arbeitet in einem Rehabilitationszentrum und sie wurde darum gebeten, eine Spendenaktion ins Leben zu rufen, weil sie die meisten Leute nicht einmal die Beratungsgespräche, geschweige denn die Therapien gegen z.B. Kinderlähmung leisten könnten. Obwohl es eigens dafür vom Staat Ghana bezahlte Beamte gab: diese saßen aber einfach den ganzen Tag herum und hatten nichts zu tun. Auf die Idee, Werbung in der umliegenden Gegend zu machen oder kostenlose Erstgespräche anzubieten, um neue Patienten anzulocken, kamen sie zwar, sie wurde aber direkt als nicht umsetzbar abgetan. Vergleichbare Situationen habe ich schon unzählige Male mitbekommen.
Die Hauptstadt Accra wirkt an sich erstmal ganz wohlhabend, aber letztens wurde mir ein Blick hinter die Kulissen gewährt: Ich habe eine wirklich arme Gegend gesehen, in der ganze Familien in 1.50 Meter hohen Holzkisten lebten, die mit Plastikplanen abgedeckt waren. Es hatte gerade geregnet und der Platz war total schlammig, aber noch schlimmer war der Gedanke, wie es dort in der brütenden Sonne sein muss. Die Leute werden dort geboren und sterben dort. Trotzdem haben sie nicht sonderlich traurig oder verzweifelt gewirkt.
EINKAUFEN
Das Einkaufen hier funktioniert ein bisschen anders als in Deutschland. Alles ist viel dezentralisierter und kleiner, das heißt, es gibt viele Shops in Containern am Straßenrand. Sie sind nicht durch Glasfronten und Schaufenster so klar von der Straße abgetrennt. Dadurch entsteht ein viel schöneres Miteinander, auf meinem Schulweg quatsche ich immer mit ein paar Ladenbesitzern, die ich mag oder grüße sie. Ich hatte anfangs kurz überlegt, ob ich mir ein Fahrrad kaufe, aber ich liebe die Atmosphäre auf der Straße zu sehr, um dort nur schnell durchzufahren (hilft übrigens auch super gegen Einsamkeit!). Es wird immer davon geredet, dass so viele Leute unterwegs sind auf den Straßen in Ghana. Das ist wahr, viele haben einfach kein Auto oder Fahrrad, aber es gibt noch einen anderen Grund: Hier wird sehr viel mehr frisch gekauft. Durch die eben genannte Denzentralisiertheit ist der Aufwand, zehn Schritte aus der Wohnung zu machen, um etwas zu kaufen, gering. Dazu kommt, dass nicht alle eine Mikrowelle besitzen und nur sehr wenige einen Ofen haben. Das macht die Sache mit meinen geliebten Tiefkühlgerichten auch schwieriger und die Motivation zu kochen steigt. Ich kriege mittlerweile sogar eine gute Tomatensoße hin, obwohl ich echt kein Kochtalent habe, höhö.

Man kennt ja auch diese Bilder von Leuten, die Sachen auf ihrem Kopf transportieren. Und was sie alles tragen: rohe Eier, riesige Schüsseln mit Wasser und vieles mehr. Und das oftmals weite Wege (im Osten laufen die Leute manchmal Stunden, um neues Wasser zu holen) und ohne die Sachen auf dem Kopf mit den Händen festzuhalten. Ich probiere immer, die Säcke mit meinem Trinkwasser genauso zu tragen. Klappt nicht so gut. Vor allem auf dem Straßen Accra, deren Überquerung mir immer noch Angst einjagt, stürzen sich immer wieder Frauen und Männer in stockenden Verkehr, um Essen, Getränke, technisches Zubehör, Regenschirme, Spielzeuge, kurz: alles, was man sich vorstellen kann, zu verkaufen. Dafür müssen sie geschickt und wirklich schnell sein: Sie schlängeln sich zwischen den Autos durch und bieten ihre Ware an. Wenn jemand etwas möchte, nehmen sie das betreffende Objekt von ihrem Kopf herunter, suchen es heraus, packen es in eine Plastiktüte, hieven ihr Sortiment wieder auf den Kopf, nehmen das Geld an und geben Wechselgeld aus. Und teilweise wird mitten in diesem Prozess eine Ampel grün und die Autos fahren an und das Ganze muss in 10 Sekunden geschehen. Und sie schaffen es immer, dass man sein Wechselgeld bekommt.
Auf den gleichen Straßen sind auch bettelnde Kinder unterwegs, deren Eltern sie nicht Schule schicken wollen oder nicht können, weil nicht genug Geld vorhanden ist, um ihre Familie zu ernähren. Die Kinder stürzen sich natürlich alle in Richtung Weißer, sobald sie einen sehen. Es ist so traurig, nichts direkt an ihrem Elend tun zu können. Aber deshalb sind Projekte wie die Sunbeam-Schule so wichtig, um langfristig einen Ausweg aus der Armut zu bieten – Bildung ist der Schlüssel! Hier in Ghana sehe ich so oft Leute, die nie in ihrem Leben eine Chance hatten. Hier gibt es kein staatliches „soziales Netz“, das die Menschen in Notsituationen auffängt. Wer Glück hat, erhält Unterstützung durch seine Familie, wenn diese die Mittel hat.
Deshalb merke ich, dass ich auch zunehmend intolerant gegenüber der deutschen Jammerei werde: z. B. hat eigentlich jeder Harz 4-Empfänger oder Obdachlose seine Chance, durch Hilfe des Sozialstaats zu überleben und, zumeist mindestens eine Möglichkeit gehabt, seiner Situation zu entfliehen.
Dann kann man noch auf den Markt gehen. Verschiedene Märkte sind für den Handel mit unterschiedlichem Warenangebot bekannt. Alles ist riesig und durcheinander und laut und toll. Manches Verkaufsgut hat einen Festpreis, bei manchem muss man handeln, aber wenn man sich geschickt anstellt, kriegt man fast alles günstig. Ich habe ein unglaublich großes Verlangen, Stoffe und Beads (Perlen) zu kaufen und muss immer aufpassen, nicht in einen Kaufrausch zu geraten.

Oh, und wenn es mal etwas nicht auf dem Markt gibt, sind da noch die Malls, also Einkaufszentren, die etwas internationaler aufgestellt sind. Ich glaube, es gibt zwei große in Accra. In den Malls gibt es auch nicht so verbreitete Produkte wie z.B. Tampons. Und dann noch Produkte, von denen ich dachte, dass sie für Ghana typisch sind, die aber dennoch nicht einfach zu bekommen und sehr teuer sind. Eine Sache, die mich total schockiert hat, sind die Preise von Schokolade. Erinnert ihr euch, dass Ghana zu den Ländern gehört, die Kakaobohnen produzieren? Hier ist Schokolade teuer. Und Konzerne wie Ferrero, die von hier ihre Kakaobohnen beziehen und ja weiterhin bekanntlich keine Probleme mit Kinderarbeit (https://www.zdf.de/nachrichten/panorama/kinderarbeit-schokolade-kakao-100.html), viel zu geringer Bezahlung und Umwelt- / Pestizidverschmutzung haben, lassen ihre Produkte wie z.B. ein Standard-Glas Nutella für über 10 € (Stand November 2022) verkaufen.
Ich habe schon Angst, wenn ich zurück nach Deutschland komme. Alles wird durch die Inflation eh teurer sein und dann bin ich noch die Preise aus Ghana gewohnt … ich sag´s euch, ich werde im Supermarkt stehen und versuchen, die Preise runterzuhandeln.
Eine Sache, die mir im Moment wirklich guttut, ist die Möglichkeit, ohne schlechtes Gewissen zu konsumieren. In Deutschland kriege ich bei jedem Einkauf ein schlechtes Gewissen. Ich versuche zwar, Kleidung secondhand, Schokolade mit Fair-Siegel, lokales Gemüse und wenig Biofleisch zu kaufen. Leider liegt damit vieles in einer höheren Preisklasse und trotzdem ist dann doch bei vielen Einkäufen eine Plastik-Umverpackung, ein bedenklicher Inhaltsstoff oder ein Milchanteil aus schlechter Haltung dabei. Mich kostet es (wie bestimmt auch einigen anderen) unglaublich viel Energie, mich immer wieder mit dem ganzen Thema zu beschäftigen und letztendlich doch immer wieder zu „versagen“, weil ich irgendwem oder -etwas schade.
Aus Ghana kommen viele Güter, die wir in Deutschland importieren. Das heißt im Moment, ich kann in Ghana regional einkaufen und sehe wirklich, wo alles herkommt. Ein anderes Beispiel, das mir die direkte Herkunft eines Lebensmittels gezeigt hat: ich habe ich zum ersten Mal in meinem Leben gesehen, wie ein Hühnchen geschlachtet wurde, was ich später gegessen habe. Tiere haben zumeist ein besseres Leben hier.
Ich habe beschlossen, dass ich in Ghana guten Gewissens „shoppen“ gehen kann: Hier bezahle ich beim Einkauf nicht nur Personen direkt mit Geld, das sie dringend nötig haben und ehrlich verdienen, sondern bringe auch noch Geld in der zutiefst geschädigten Wirtschaft des Landes in Umlauf. Apropos Wirtschaft, mir ist aufgefallen, dass es durch die Dezentralisiertheit der kleinen Läden bestimmt auch viel schwieriger ist, Steuern rechtmäßig einzubringen.
Ach so, eine letzte Sache: Beim Essen von der Straße muss man immer ein bisschen vorsichtig sein, vor allem natürlich bei Fleisch, aber auch bei frittierten Sachen wegen der Qualität des Öls. Sonst wird man, wenn es schlecht läuft, Verdauungsprobleme bekommen. Man muss halt auf die Sauberkeit der Umgebung achten, aber nach einer Weile hat man den Bogen raus.