Jetzt bin ich seit über einem Monat zurück in Deutschland und füge mich langsam wieder in den Alltag ein.
ABSCHIEDE
Aber zuerst einmal zu meiner Abreise: In den letzten Wochen in Ghana begannen nach und nach die „letzten Male“, aber meinen kommenden Abschied realisierte ich genauso wenig wie vor einem Jahr meinen Abschied aus Deutschland. Ich verließ eine Woche vor meiner Abreise die Schule und musste meinen Kindern „Auf Wiedersehen“ sagen. Das hat mich in dem Moment traurig gemacht und es macht mich auch immer noch traurig. Irgendwie war der Abschied schlimmer dadurch, dass sie sich noch so sehr verändern werden und ich nicht die Chance habe, sie aufwachsen zu sehen. Die meisten realisierten auch trotz mehrmaliger Erklärungen nicht, dass sie mich vielleicht nie mehr wiedersehen werden und gratulierten mir stattdessen zum Geburtstag, weil ich Süßigkeiten mitbrachte.
Der Abschied von den Lehrern war weniger belastend für mich, ich verstand mich mit ihnen zwar ganz gut und habe mit einigen noch unregelmäßig Kontakt, aber letztendlich waren es nur Kollegen.
Meine letzten Tage wollte ich vor allem mit meinem Freund verbringen und zog bei ihm ein. Der Wohnungsputz stand an und ich musste noch die letzten Mitbringsel besorgen. An meinem letzten Abend wollten wir ein Lagerfeuer mit ihm, meinen Gastbrüdern und engsten Freunden machen. Aber alles kam anders.
ANGST & HEIMREISE
Am Morgen des 07.09.2023, einen Tag vor meinem Abflug, wachte ich auf und konnte nicht mehr tief einatmen. Der folgende Tag und die folgende Nacht bestanden aus dem Besuch dreier Krankenhäuser, unvollständigen Diagnosen, der Angst nicht fliegen zu können und der Panik meiner Eltern, die sich gleichzeitig um meinen Bruder in Deutschland kümmern mussten, der wegen einer anderen, gefährlichen Erkrankung ebenfalls im Krankenhaus lag und unter großen Schmerzen litt.
Mein Freund und mein Mentor versuchten, mir zu helfen, soweit es ging, und letztendlich flog ich mit der Diagnose „Darminfektion und Sepsis“ und einer Menge von Antibiotika und Medikamenten nach Hause. Dabei hangelte ich mich von Fiebertablette zu Fiebertablette und ließ auch das „Vergnügen“ eines achtstündigen Zwischenstopps in Brüssel nicht entgehen. Ab dem zweiten Flug war wenigstens mein Fieber verschwunden.
Als ich endlich, endlich ankam, fiel ich meinem Vater heulend in die Arme. Es tat so gut, endlich die Verantwortung abgeben zu können und jemand anderen Entscheidungen treffen zu lassen. Meine Mutter war bei meinem Bruder geblieben. Als Erstes kauften mein Vater und ich einen Snack im Supermarkt in der Nähe des Flughafens. Beim Anblick der Auswahl von Brotsorten kamen mir wieder die Tränen und, schwupps – rutschte ich mit meiner emotionalen Erschöpftheit in den Anfang eines Kulturschocks, der noch einige Zeit dauern sollte.
ERSTE TAGE
Mein Vater und ich machten uns dann auf den Weg in das Krankenhaus, wo mein Bruder lag (Die Straßen in Deutschland sind so sauber!) und dort wurde ich auch zügig aufgenommen und Isolation gebracht. Man hatte Angst vor Tropenkrankheiten. Meinen Bruder durfte ich nicht umarmen.
Die nächsten fünf Tage verbrachte ich dann in einem Krankenhauszimmer, erhielt zwischendurch Besuch in Schutzkitteln, Masken und Handschuhen und wurde dann wieder „freigelassen“. Ich hatte keine Tropenkrankheit und war auch sonst schon länger wieder gesund.
NACHBEREITUNGSSEMINAR
Vier Tage in Freiheit und meine Geburtstagsfeier zum 19. in engem Kreis … danach musste ich direkt weiter zum Nachbereitungsseminar nach Usedom. Das DRK nahm auch die paar Leute meiner Organisation freundlicherweise auf, wodurch wir ein sehr gut strukturiertes, vergnügliches und vorbereitetes Seminar genießen konnten. Das Seminar sollte uns die Möglichkeit bieten, den Prozess unserer Reflexion des Jahres gemeinsam anzugehen und zu vertiefen. Auch wurden wir daran erinnert, wie man am besten über Erlebtes spricht, ohne stumpfe Vorurteile zu produzieren und uns wurden Möglichkeiten gezeigt, wie wir uns weiter engagieren können. Das Seminar fand ich insgesamt gut, nur kam es leider für mich zum falschen Zeitpunkt. In meinen vier Tagen zu Hause hatte ich definitiv nicht genügend Zeit, um das Erlebte für mich selbst zu reflektieren, geschweige denn mit anderen darüber zu sprechen.
Das habe ich auch auf der Zugfahrt nach Usedom gemerkt: Ich starrte zehn Minuten ein junges Pärchen an und konnte nicht fassen, wie sie sangen, tanzten; sich in aller Öffentlichkeit geradezu abmühten, um ihr Baby zum Lachen zu bringen.
Ein bisschen schockierend fand ich, dass ich anscheinend die Einzige war, die wirklich Freunde und enge Kontakte vor Ort geknüpft hat. Bestimmt lag es daran, dass alle anderen gemeinsam in ihren Einsatzstellen platziert waren und sich deshalb weniger integrieren mussten oder dass die Gegebenheiten vor Ort oftmals schwieriger waren. Statt des Einfindens in die Gesellschaft wurde dann viel gereist. Das ist zwar auch ein schönes Kennenlernen vom Land, allerdings ist das nach meinem Verständnis nicht der Sinn von „Weltwärts“.
Trotzdem war es interessant zu hören, was Freiwillige in Togo, Vietnam, Kambodscha und Peru erlebt haben. Auch von anderen Einsatzorten in Ghana habe ich Geschichten gehört, die sich unfassbar anders anhörten als alles, was ich mitgekriegt habe. Zwei Mädchen waren in einem überfüllten Krankenhaus mit schlechter Hygiene und unmotiviertem Personal platziert und mussten einmal stundenlang versuchen, ein Baby wiederzubeleben – traumatisch. Ein anderes Mal durften sie eine Geburt leiten, weil sie als Deutsche automatisch als qualifiziert galten. Ich will hier aber nicht Geschichten aus zweiter Hand weitergeben und deshalb machen wir weiter mit meinen Erfahrungen.
ENDGÜLTIG ZU HAUSE
Zurück zu Hause fand dann erstmal ein riesiges Familientreffen statt, dass ich organisiert habe, und ich erzählte allen mit einer Fotopräsentation von den wichtigsten Erlebnissen meines Aufenthalts, um nicht für jede Person in meinem Umfeld die gleiche Geschichte wieder und wieder erzählen zu müssen.
Dann begann langsam die Zeit, um zur Ruhe zu kommen. Trotzdem tat ich nicht nichts: Endlich sah ich meine Freunde öfter, die teilweise ab Anfang Oktober in anderen Städten anfangen sollten zu studieren und genoss die Zeit mit ihnen. Erst war alles ein bisschen komisch, aber wir gewöhnten uns erstaunlich schnell wieder aneinander. Vor allem eine Fotopräsentation wie die für meine Familie half ihnen, ein Verständnis von meinem Jahr zu bekommen und tiefergehende Fragen zu stellen als: „Wie war’s?“ Ich bin vor allem dankbar, wie bemüht meine besten Freunde waren, mich direkt in alle gemeinsamen Cliquenaktivitäten zu involvieren oder auch zu zweit etwas zu unternehmen. Für mich begann eine Zeit der Studienorientierung, Jobsuche, dem Nachholen der Reaktion auf Post zu meinem 18. Geburtstag und das Streiten mit Versicherungen.
Nächste Woche fange ich an, in einem Biosupermarkt zu arbeiten, während ich warte, dass das nächste Semester für ein Studium in Chemie losgeht. Jetzt schon fühlt sich die Zeit in Ghana an wie ein Traum, jetzt schon verzerren sich bestimmte Aspekte oder ich vergesse Kleinigkeiten. Jetzt schon bin ich wieder so gefangen in der strikten Atmosphäre Deutschlands. Auch wenn hin und wieder ein bisschen Lässigkeit durchblitzt, die ich in Ghana erworben habe. Manchmal halte ich inne und denke an meine Zeit dort. Und manchmal muss ich mich daran erinnern, dass man Probleme nicht einfach relativieren kann, auch wenn es sich vielleicht so anfühlt. Ich bin immer noch traurig, dass ich mich von allem in Ghana nicht so verabschieden konnte, wie ich wollte, und dass es mehr um eine Diagnose und meine Krankheit ging als um die letzte gemeinsame Zeit. Ich schätze, ich muss irgendwann nochmal hin 🙂
ABSCHIED
Ich wollte noch über so viel mehr schreiben. Über Rezepte, Neokolonialismus, Jahreszeiten, White Saviorism und die Proteste, die gerade gegen die so korrupte Regierung stattfinden und meine Angst vor einem Putsch oder davor, dass sich nichts ändert. Die Perspektivlosigkeit, immer und überall, auch mit Bildung. Das Schwarze auch natürlicherweise rote Haare haben und in der Sonne dunkler werden, was mich komischerweise total überrascht hat. Und noch so viel mehr. Aber letztendlich wird nicht mal ein dickes Buch reichen, um all das zu beschreiben. Aber ich will mein Leben weiterleben, auch wenn diese Zeit in meinem Herz bleiben wird. Dies ist mein letzter Artikel. Danke fürs Lesen, danke für die Anteilnahme und alles Gute. Auf Wiedersehen!