Am Dienstag war mein erster Schultag.

7:45h – Ich traf nach dem Assembly ein und nach einer kurzen Begrüßung durch die Schulleiterin Pauline, die ich zuvor schon kurz kennenlernen 
durfte, und ein paar anderen Lehrern ging es dann los: Zunächst bekam ich einen afrikanischen Namen: „“Abba“, was Donnerstag bedeutet – weil ich an einem Donnerstag geboren wurde. Insa ist nämlich für Ghanaer schwer auszusprechen und zu merken – und da ist ein selbst ausgesuchter Name besser, als wenn die Kinder mich unschmeichelhaft benennen.

Ich wurde aufgrund meiner favorisierten Fächer (Mathe und Naturwissenschaften) Madame G. zugeteilt und sollte sie durch die Schule begleiten. Das Problem: Ihr zweites Hauptfach ist Französisch, von dem ich kein Wort verstehe. Dienstags unterrichtet sie nur Französisch und deshalb schickte sie mich direkt weiter zu Sir S. Er unterrichtet unter anderem Mathematik und Naturwissenschaften und daher werde ich auch ihn begleiten. Ich saß den Rest der Zeit bei ihm vorne im Unterricht – mittelmäßig begeistert, da ich ohne Aufgabe und Sicht auf die Tafel bereits gelerntem Stoff zuhörte und dabei unter den neugierigen Blicken der Kinder interessiert und kein Stück gelangweilt aussehen musste. Mehr gab es nicht zu tun für mich.

In den folgenden Tagen wechselte ich zwischen Madame G., Sir S. und Madame M. hin und her, weil Madame G. zwischenzeitig fehlte. Ich habe ein Upgrade erhalten und korrigiere mittlerweile Hausaufgaben :). Trotzdem muss ich mich, ehrlich gesagt, echt noch eingewöhnen. Dass ich nicht -wie vorher abgesprochen – nacheinander Zeit mit jeweils einer Klasse verbringe, sondern wild zwischen Klassen und Stufen wechsele, macht es schwierig. Ich habe keine Ahnung, wann ich zu welchem Lehrer/Klassenraum gehen soll und ich finde es relativ schwierig, Kontakt zu den Lehrern aufzubauen. Ich weiß auch nicht wirklich, wie groß das Interesse an meiner Mitarbeit ist.

Aber das gibt sich bestimmt mit der Zeit 🙂

Jetzt ein paar allgemeinere Sachen. Es darf hier nur Englisch gesprochen werden. Die Schule hat im Vergleich zu eigentlich allen Schulen in Münster, die ich kenne, unglaublich viel Platz. Die mehreren Schulhöfe, die Platz für die ca. 381 Kinder von der Vorschule bis zur 10. Klasse  bieten, sind hübsch mit Bäumen bewachsen und es stehen Wassertanks zum Händewaschen bereit.

Die Klassenräume sind mit Plakaten, Stundenplänen und „Kunst“ behängt wie in Deutschland. Teilweise sind sie komplett voneinander abgetrennt, teilweise schließen die Mauern dazwischen nicht bis ganz oben ab und viele Geräusche aus dem angrenzenden Klassenzimmer dringen ein.

Morgens findet zunächst das Assembly statt. Ich habe gehört, dass hier das Erscheinungsbild der Kinder kontrolliert wird und sie marschieren müssen – ich erzähle euch mehr, wenn ich endlich mal pünktlich genug ankomme, um es mit eigenen Augen zu sehen. Viele Unterrichtsstunden wie z.B. Mathe sind identisch mit denen in Deutschland, aber es gibt auch ein paar Unterschiede:

1) Einmal die Woche findet das „Worship“ statt. Ein Großteil der Ghanaer ist christlich und auch in den Schulen wird viel gebetet. Diese Woche wurden die älteren und jüngeren Schüler getrennt und ich blieb bei den Jüngeren. Ihnen wurde ein Kirchenlied(?) beigebracht, das sie dann nachsingen sollten. Die meisten machten sehr motiviert und ohne Verlegenheit mit. Später wurde dann das letzte Wort in jedem Vers während des Singens buchstabiert – das war erstaunlicherweise total schön anzuhören. Buchstabieren nimmt hier generell einen hohen Stellenwert ein.

2) Das „Spelling Bee“ habe ich am Freitag erlebt. Dabei versammeln sich alle Stufen ab der 6. Klasse und treten in einem Buchstabierwettbewerb gegeneinander an.

3) „Girl Guide“ bzw. „Boy Scouts“ ist eine weitere Aktivität – ich war bei den Mädchen. Dabei versammeln sich einzelne Gruppen auf dem Schulhof. Es geht sozusagen um Charakterbildung: Es werden einerseits z.B. Geschichten mit der Moral erzählt, den Eltern zu helfen. Aber ich habe auch mitgekriegt, dass GVIs (Freiwillige von einer anderen Organisation, die drei Monate bleiben und Teilzeitlehrer sind) die Kinder aufschreiben haben lassen, was sie an ihren Freunden lieben oder sie alle zusammen „I´m amazing“ rufen haben lassen. Generell sollen die Schüler hier oft laut etwas wiederholen, was der Lehrer gesagt hat.

4) Am Tag der „Club Time“ erscheinen viele Schüler in extra clubspezifischen T-Shirts statt der alltäglichen Uniform. Die Clubs sind so etwas wie AGs, die anstelle einer Unterrichtsstunde stattfinden. Es gibt einen Mathe-Club, eine Lese-Gemeinschaft, Tänzer, Schauspieler, Künstler und Einiges mehr.

Zusammenfassend gibt es in der Schule deutlich mehr pädagogische Ansätze, als ich gedacht hätte. Was ich auch schön fand: In einer Vertretungsstunde mussten die Schüler geheime Probleme von sich aufschreiben, die anonymisiert laut vorgelesen wurden und dann wurde versucht, eine Lösung zu finden. So haben wir sowohl Liebes- als auch Freundschaftsratschläge gegeben. Auch Fragen wie „Wie erreiche ich meine Träume?“ haben wir beantwortet. Naja, eben nach unserem besten Wissen und Gewissen. Was mich irritiert hat: Wenn die Antwort sehr schwierig war, wurde den Schülern geraten, zu beten.

Das Essen in der Schule ist bisher ganz lecker und mir war nur eine von vier Mahlzeiten zu scharf (weil für die jüngeren Kinder milder gekocht wird). Die wurde dann prompt von einem Schüler zu Ende gegessen. Das Essen wird hier in selbst mitgebrachte Kunststoffdosen gefüllt und danach verteilen sich die Schüler auf dem Schulhof oder in Klassenzimmern.

Die Schulkinder verhalten sich hier übrigens total anders als in Deutschland. Sie können zuckersüß sein, besonders zu mir, als interessanter, neue Weißer. Aber im Unterricht kann es unglaublich laut werden und sie können lügen, lügen, lügen. Vermutlich, weil sie einen sehr autoritären Erziehungsstil gewöhnt sind (also unter allen Umständen gehorsam sein müssen und sonst bestraft werden), haben sie weniger Respekt vor weißen Lehrern wie z.B. den GVI´s. Sie wissen, dass sie von ihnen keine so harten Strafen zu erwarten haben wie von den „richtigen“ Lehrern. Ich versuche, freundlich zu sein und mir gleichzeitig keine Schwäche anmerken zu lassen. Mit ein paar Kindern habe ich mich auch schon länger unterhalten und von ihnen prompt berühmte Lieder wie „All of me“ vorgesungen bekommen – und das verdammt gut. Übrigens verstehe ich, woher das Vorurteil kommt, dass Personen afrikanischer Herkunft tendenziell musikalischer sind: Ich habe seit meiner Ankunft etliche wirklich gute Sänger, Tänzer und Trommler kennengelernt. Was mir auch aufgefallen ist: Hier verbringen die meisten noch eine Kindheit ohne Handy und Spiele, die alles vorgeben. Dementsprechend sind die Kinder wild, kreativ und können sich gut mit sich selber beschäftigen.

Noch eine letzte Sache: Es werden, wie gesagt, Schuluniformen getragen, ich trage zumindest Donnerstags zu den anderen Lehrern passende T-Shirts mit der Aufschrift „STAFF“. Ich fühle mich seeehr professionell 🙂 Am Freitag ist „African Wear Day“, das heißt, wir ziehen alle traditionell afrikanische Kleidung an. Ich finde die Idee total toll und habe mir auch direkt ein Kleid in dem Style maßanfertigen lassen. Das Ganze hat nur 16€ gekostet und ich fühle mich toll in meiner ersten Maßanfertigung!

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