Zunächst einmal – Tut mir Leid, dass der letzte Artikel so lange her ist. Ich bin jetzt sozial vollständig angekommen und habe einige echt gute Freunde (Sogar weibliche, was echt schwierig ist, weil die Mädels weniger offen sind und mehr zu Hause!) gefunden. Das bedeutet, dass ich eigentlich die ganze Zeit unterwegs bin. Eine weitere Sache, die ich gerne mache, ist bei den Jungs aus der Gegend vorbeizuschauen, die sich ohne Absprache für Brettspiele oder Fußball treffen und einfach zu einem Treffpunkt kommen, wenn sie Lust haben.

So, jetzt aber zur Schule: Ich arbeite jetzt seit einiger Zeit in der zweiten Klasse und werde dort vermutlich noch länger bleiben.
Gute Nachrichten: Die Kinder hören die meiste Zeit auf mich! Die Lehrerin hier ist nett und schlägt die Kinder – nach meinem Gefühl – seltener mit dem Stock, versteckt das Ganze aber auch besser vor mir. Sie hat ein Baby und da es keine Tagesmütter gibt, bringt sie es wie viele ghanaische Mütter zur Arbeit. Einen Teil der Zeit kann es in der Vorschule verbringen oder andere Lehrer mit Freistunden übernehmen das Aufpassen, aber natürlich ist der Fokus der Mutter gespalten … hier Unterricht, da Kind. Das bedeutet, ich wurde von Anfang an sehr viel mehr mit den Schülern alleine gelassen, um das Aufgabenmachen zu überwachen oder selber zu unterrichten. Ich lerne viel dabei. Mir wird immer mehr bewusst, wie viel Macht ich habe. Außerdem bekomme ich ein Gefühl dafür, wann ich den Unsinn der Kinder ignorieren und wann ich sie ermahnen sollte, oder in welchen Situationen ich mit normaler, leiser oder lauter Stimme sprechen sollte. Natürlich habe ich längst noch nicht den Dreh raus und zwischendurch kann es immer noch recht unruhig im Klassenzimmer werden. Auch Konflikte zwischen den (manchmal zu Flunkereien neigenden) Kindern zu lösen, fällt mir nicht immer leicht. 

Mein Englisch verstehen die meisten eigentlich ganz gut, auch wenn mir bei manchen Wörtern vorgeworfen wird, dass ich sie „falsch“ ausspreche, weil ich einen anderen Akzent als die Kids habe. Zur Not „benutze“ ich auch mal eins der Kinder, die mich besonders gut verstehen, als Übersetzer. Schwierig finde ich auch, dass mir mein Lächeln als Schwäche ausgelegt wird. Wenn ich also Freude zeige, weil die Schüler leise sind oder richtige Antworten geben, wird es leider schnell laut im Klassenraum.

Ich habe aber das Gefühl, dass die Schüler mich mögen. Hier eine Handtasche aus Blättern, die eine Schülerin aus meiner zweiten Klasse für mich gebastelt hat. Man kann sie sogar öffnen!


Eine Sache fällt mir sehr auf: Viele Kinder können sehr schlecht oder gar nicht lesen. Sie entwickeln die wildesten Tricks, um ihr Unvermögen auszugleichen. Deshalb habe ich angefangen, mir nachmittags und mittlerweile auch vormittags jeweils drei Schüler aus der Klasse herauszuziehen und mit ihnen Lesen zu trainieren. Dieses Training ist sehr begehrt und auch von Viertklässlern habe ich schon Anfragen für Hilfe bekommen. Ich selber entwickle auch ein besseres Verständnis der englischen Sprache. Zum Beispiel ist mir klar geworden, dass nach meinem Gefühl das Lesen im Englischen schwieriger zu lernen ist als im Deutschen – einfach, weil es so viele Arten gibt, einen Buchstaben zu betonen. (Ich finde, die Menge der verschiedenen Betonungen des Buchstabens „e“ ist erschreckend!) Aber nach anfänglichen Frustrationen zeigen sich erste Erfolge. Mein bester Schüler kann Sätze bis auf wirklich lange Wörter fast flüssig lesen und auch meine langsamsten Schüler machen stetig Fortschritte. Ich bin glücklich. 🙂

Außerdem helfe ich den Sponsor-Kindern jeden Donnerstag, Briefe an ihre Sponsoren zu schreiben. Nach den Ferien werde ich vielleicht auch noch helfen, eine Kleiderspende und eine Bücherei einzurichten. Aber diese Projekte sind noch nicht so weit fortgeschritten. Trotzdem finde ich die Planungen sehr lobenswert. Einige wenige Schüler haben nämlich keine Kleidung außer ihrer Schuluniform und Bücher sind generell wenig vorhanden, wo sie doch so wichtig sind, um den Kindern den Spaß am Lesen zu wecken.

Ich wollte noch ein paar Methoden erwähnen, die die Lehrer hier verwenden: Häufig gibt es in einer Klasse ein oder zwei Schüler, die die ersten Ansprechpartner für die Lehrer sind. Sie gelten als vertrauenswürdig und müssen daher jede Menge Aufgaben erledigen, genießen dafür aber auch eine privilegierte Stellung. Sie machen alles, vom Trinkwasser kaufen für die Lehrer bis hin zum Notieren der Namen von Mitschülern, die laut sind, während der Lehrer nicht im Raum ist. Eine – wie ich finde – schöne Bestrafung, die auch immer wieder genutzt wird, ist, Schüler aus dem Raum zu schicken und sie Bäume umarmen oder Blätter sammeln zu lassen. 
Leider wird kaum Gruppenarbeit gemacht. Andererseits, wenn die Lehrer beschäftigt mit Papierkram sind, werden die Schüler gerne dazu angehalten, sich Geschichten auszudenken und zu erzählen. Dadurch lernen sie wunderbar, vor der Klasse interessant vorzutragen. Referate dagegen werden in der Schule übrigens nicht wirklich gehalten.

Einige der traurigsten Momente war für mich, als eine Schülerin mit einem blauen Auge zur Schule kam. Ihre Mutter hat ihr so fest ins Gesicht geschlagen, dass es angeschwollen ist. Selbst die canende Lehrerin war entsetzt. 
Aber hier in Ghana wird das „Jugendamt“ eigentlich nur informiert, wenn das Kind so schlimm misshandelt wurde, dass es schon gebrochen ist. Ein anderes Kind kommt manchmal ohne Frühstück in die Schule, weil es sich die Familie nicht mehr leisten kann. Das Schulgeld ist für die Familien aller Kinder ohne Sponsor eine extreme Belastung. Besonders, wenn zusätzlich noch die Bezahlung für Samstagsklassen, bei denen Abwesenheit extrem ungern gesehen wird, die Schuluniform und extra berechnete Examensprüfungen hinzukommen. Wenn ich über den Kontrast nachdenke – meine deutschen Freunde kaufen sich von dem hier benötigten Schulgeld für ein Jahr ein schönes Paar Jordan-Schuhe – dann wird mir ganz schwummerig. Ich weiß, bei sowas sollte man keine Vergleiche anstellen, aber manchmal drängt sich mir so etwas einfach auf.

Im Gegensatz dazu: Eine der schönsten Aktionen seit Wochen fand erst in den letzten Tagen statt. Es wurde ein Fußballspiel im Stil „Lehrer gegen Schüler“ veranstaltet. Diese Woche waren die Jungs dran, nächste Woche spielen wir Frauen. 🙂

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