Die letzten paar Wochen waren sehr wichtig für das Projekt, in dem ich eingesetzt bin. Zuerst fand der jährliche Besuch einiger Sponsoren der Sunbeam e.V. statt, und am 21. Februar kamen dann mehrere hochrangige Politiker mit ihrem Gefolge zu Besuch. Ich selber habe in dieser Zeit einige Strategien der Sunbeam kennengelernt, von denen ich bisher noch nichts wusste.
BESUCH DER SPONSOREN
Karola Slany, Trägerin des Bundesverdienst-Kreuzes, Gründerin der Schule und Vereinsvorsitzende des Vereins Sunbeam e.V. (https://sunbeam-ghana.de/), kommt jedes Jahr mehrmals auf eigene Kosten nach Ghana, um zu überprüfen, dass das Geld an den richtigen Stellen ankommt. Dabei nimmt sie am Anfang des Jahres immer Sponsoren mit, die sich sowohl Ghana als auch die Sunbeam-Schule selbst ansehen möchten. Man kann die Sunbeam-Schule natürlich mit jedem beliebigen Betrag unterstützen, aber viele Leute entscheiden sich dafür, mit 250 €/Jahr die Kosten für die Schullaufbahn eines Kindes zu finanzieren. Schön daran sind meiner Meinung nach vor allem zwei Sachen: Erstens kriegen diese Sponsoren jedes Jahr einen persönlichen Brief, ein Foto und das Zeugnis von ihrem Sponsorenkind zugeschickt. Die Beaufsichtigung des Briefeschreibens war übrigens auch eine meiner Aufgaben. Zweitens kommen wirklich 100% der Spenden bei der Schule an. Alle Mitglieder der Sunbeam e.V. arbeiten ehrenamtlich.
Ich habe mich total auf den Besuch gefreut, da ich die schon vorher öfter mal die Gelegenheit hatte, meine Ghana-Oma Anna (eine Deutsche, die schon seit Jahrzehnten als Single-Frau in Ghana lebt, u.a. Straßen-Jungs aufzieht und die Gruppe der Sponsoren begleitet hat) und natürlich Karola kennenzulernen. Karola ist übrigens meine Ghana-Mama. Beide sind super-taff, unglaublich interessant und haben Lebensgeschichten, über die man ein Buch schreiben könnte. Und einfach lieb und warmherzig sind sie noch dazu.
Dann saß die Gruppe abends einfach bei Moda am Tisch. Von Anna und Karola wurde ich herzlich begrüßt, die anderen drei Frauen und den Mann lernte ich in den nächsten Tagen besser kennen. Die verbrachte ich nämlich mit Karolas Besuchern und nicht in der Schule. Ich erlebte sie alle als weltoffene und interessierte Menschen und wir entwickelten auch ein zunehmend enges Verhältnis. Ich kann immer noch nicht fassen, wie groß der Anteil an Deutschen in Ghana ist, die ich mag und die mir spannende Sachen erzählen im Vergleich zu Deutschen in Deutschland. Reisen erweitert anscheinend wirklich den Horizont 🙂
Während wir in Kokrobite waren, besuchten wir zusammen natürlich die Schule und bekamen eine tolle Theater- und Tanzaufführung mit anschließender Tour geboten. Dabei erfuhr ich zum Beispiel, dass den Eltern gesponserter Schulkinder von der Schule explizit geraten wird, das Geld, was sie durch das Sponsoring ihrer Kinder sparen, zurückzulegen (wenn möglich!). Dieses sollte dann für eine weitere Schulbildung ihrer Kinder verwendet werden. Dadurch gehen sehr viele Absolventen der Sunbeam weiter auf die Senior High und Uni. Wir haben einige Lehrer, die ehemalige Sunbeam-Schüler sind. Außerdem gibt es eine „Probezeit“ für alle Sponsoren-Kinder, in der noch keine Sonsorengelder für sie aufgewendet werden. Es wird genau unter die Lupe genommen, wie zuverlässig die Bereitschaft der Kinder zur Schule zu gehen und zu lernen ist. Zudem gibt es noch die „Poor-list“: Die wenigen Kinder, die auf dieser Liste stehen, sind besonders arm und für sie werden auch die Kosten für z.B. die Schuluniform getragen.


Besondere Notfälle (das kommt aber nur sehr selten vor, betrifft aber zum Beispiel ein Mädchen, dass an eine ihr fremde Familie als Arbeitskraft verkauft wurde und durch die Schule gerettet werden konnte) dürfen auch in der Schule mit den anderen Internatsschülern wohnen. Das Essen der Internatsschüler wird übrigens unter anderem durch Früchte der Bäume auf dem Schulhof und durch die Ernte der von Oberstufenschülern geführten Beete ergänzt. So wird auch eine ausgewogene Ernährung, die in Ghana eher selten vorkommt, gefördert. Darauf wird übrigens auch beim (sehr leckeren!) Schulessen geachtet. Das Schulessen ist übrigens eine Strategie, Eltern dafür zu gewinnen, ihre Kinder überhaupt zur Schule zu schicken: Viele Eltern würden ihre Kinder lieber arbeiten lassen, anstatt die Zeit in Bildung zu investieren. Durch die von den Sponsoren übernommene Mahlzeit lassen sich viele Eltern umstimmen, die Kinder zur Schule zu schicken und sie danach arbeiten zu lassen.
In der Schule gibt es zum Glück ein Müllsystem: Plastikmüll, Flaschen und Wassersachets (Wassertüten, aus denen die Leute hier trinken) werden getrennt gesammelt. Durch den Weiterverkauf der Flaschen und Sachets für Recycling kann der Abtransport von Plastikverpackungen und das Instandhalten der Tonnen finanziert werden. Das bedeutet auch, dass in der Schule nur noch Laub verbrannt wird und die Schüler keine krebserregenden Plastikdämpfe einatmen.
Wir sind außerdem in die Nachbarstadt Lamgba gewandert. Ein anderer Höhepunkt war die „Ostereier-Suche“. Dafür haben wir erst von den Sponsoren mitgebrachte Süßigkeiten auf Modas Grundstück versteckt und dann sind ca. 40 Kinder aus der Umgebung gekommen und durften suchen. Zum Ende wurden dann noch Kuscheltiere aus einem Sack gezogen, die auch glücklich angenommen wurden. Insgesamt auch ein sehr schöner Tag für die Kinder, von denen die meisten kein Fest erleben, bei denen es um sie geht.
Zudem hatten wir noch die Chance, ein kleines Urwaldstück zu besuchen, in dem man Affen füttern konnte. Leider waren sie an diesem Tag scheu und nahmen nichts aus den Händen. Dafür bekamen wir fiese Tausendfüßler zu sehen. Und noch einen beeindruckend großen, hohlen Baum.
An einem anderen Tag begleiteten wir die Küchenfrauen der Schule auf den für mich riesigen Markt und kauften Unmengen an Essen.

Großzügerweise wurde ich dann einmal auf eine Pizza eingeladen, die ich total vermisse, weil sie hier deutsche Preise kostet und ich sie dementsprechend nicht oft essen kann.
An einem anderen Termin besuchten wir das Krankenhaus in Kokrobite, dem auch Spenden zuteilwurden und in dem eine deutsche Zahnärztin bald ehrenamtlich für ein paar Wochen im Jahr arbeiten möchte.
Den letzten Abend schlossen wir dann mit Kuchen von Modas Tochter Anisa und einer Generalbesprechung ab. Dafür trafen noch einmal die Organisatoren der Sunbeam von ghanaischer Seite, die Sponsoren und natürlich Karola zusammen. Es wurde sich über Finanzen, neue Ideen, Kritik und natürlich den baldigen Ministerbesuch ausgetauscht.
Am nächsten Tag fuhr die Gruppe schon zurück nach Accra und wir trafen uns nur noch einmal im Restaurant Abajo von Karolas Mann, wo man freitags neben leckerem Essen auch echt tolle Musik genießen kann. Wir tanzten noch ein wenig und hatten total Spaß, aber mein Freund und ich mussten leider relativ früh zurück, weil ich ein bisschen krank war. Der Boltfahrer hat uns erstmal so ziemlich abgezogen und mir ging es nicht gut genug, um richtig verhandeln zu können. Na toll.
DER MINISTERBESUCH
Karola hat mir schon relativ früh schon von diesem Großereignis erzählt und sich lange darauf gefreut. Am 21.02.2023 kamen Svenja Schulze (Bundesministerin für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung), Hubertus Heil (Bundesminister für Arbeit und Soziales) und Gilbert F. Houngbo (Generaldirektor der Internationalen Arbeiterorganisation (ILO) der UN und ehemaliger Premierminister von Togo) in die Sunbeamschule. Und zwar natürlich nicht alleine, sondern mit einem Gefolge aus Angestellten, Botschaftern, mindestens zehn deutschen Medienorganisationen und dann noch diversen ghanaischen Medienvertretern. Insgesamt waren es glaube ich über siebzig Leute, total ungewohnt für mich, wieder so von Weißen umringt zu sein!
Schon vorher wurde wieder fleißig für die gekürzte Aufführung vor den Ministern trainiert, die laut Zeitplan nur 30 Minuten bleiben sollten. Am Tag des Ereignisses kam das „Sunbeam-Team“ ein bisschen früher und wir räumten die Schule noch einmal auf und stellten die Stühle für den Besuch bereit. Danach hieß es: warten. Um Nervosität und Langeweile zu bekämpfen, hörten wir über die aufgestellten Boxen Musik. Meine arme dritte Klasse und bekam so die volle Lautstärke ab – lustig, wenn man bedenkt, dass sich die Minister laut vorheriger Ankündigung die Sunbeamschule vor allem ausgesucht hat, weil es dort einen inklusiven Ansatz gibt und gespendete Hörgeräte an diejenigen verteilt werden, die sie brauchen und ihnen die Benutzung erklärt wird.
Nach und nach trafen dann von Karola eingeladene Gäste, Karola und schließlich die Minister ein. Die Aufführung lief gut, aber ich glaube, vor allem die Führung danach und die Begegnung mit den herzlichen Kindern hat viele der Besucher berührt. Ich versuchte mich eher zurückzuhalten und den Personen, die lange an diesem Projekt arbeiten, das Rampenlicht zu überlassen. So babysittete ich das Baby der Klasse-Zwei-Lehrerin. Während der Führung zog ich – also eigentlich eher das zuckersüße Baby – dann doch die Aufmerksamkeit einiger anderer Babyfanatiker auf mich und erzählte ihnen ein bisschen über die Schule, während sie das Baby anhimmelten und mir gleichzeitig zuhörten. Mit den Ministern hatte ich leider keinen Kontakt, jedoch kamen sie mir sympathisch und sehr viel bodenständiger und zugewandter vor, als ich sie mir im Kopf ausgemalt hatte. Letztendlich blieb der ganze Trupp noch über eine Stunde – bei dem straffen Zeitplan will das echt etwas heißen.


Am nächsten Tag schaute ich dann natürlich neugierig in die Medien. Momentan wird ja fast alles vom Russland-Ukraine-Konflikt überschattet, aber ein paar Artikel zu dem Besuch fand ich dann doch, leider wurde die Sunbeam zumeist nur am Rande erwähnt. Ich wusste zwar, dass die Minister in Westafrika weiter herumreisen, doch war mir der Bedeutung ihres Besuches in Ghana gar nicht so bewusst. Sie versuchen endlich, etwas anzugehen, was sich zumindest in meinem Freundeskreis seit Jahren viele wünschen. Und zwar wollen sie die Einwanderung von spezialisierten ghanaischen Fachkräften nach Deutschland erleichtern, um den dortigen Fachkräftemangel auszugleichen, ohne Ghana mit einer zu großen Abwanderung von Fachkräften zu schaden. Das mag für den ein oder anderen zwar nicht machbar klingen, hört sich für mich jedoch durchaus realistisch an. Denn seit ich hier bin, habe ich rausgefunden, dass Bildung zwar ein extrem wichtiger Teil zur Weiterentwicklung im Land ist, aber manchmal auch das nicht reicht. Viele meiner Bekannten in Ghana studieren, haben aber nur geringe Hoffnung auf einen Job nach dem Studium, weil der Arbeitsmarkt hier so schlecht ist. Wenn Deutschland weiterhin Geld in die Entwicklung Ghanas steckt und dafür den Überschuss an Arbeitern, die eh auswandern wollen, „nutzt“, befinde ich das Ganze als sehr positiv. Gerade die Vorstellung, den Pflegenotstand durch dem Alter gegenüber sehr wohlwollend stehende Ghanaer ausgeglichen werden könnte, ist doch sehr schön, oder? Natürlich muss für dieses System ein sehr enger Austausch zwischen Deutschland und Ghana stattfinden, deshalb die Reise. Hoffentlich passiert jetzt auch wirklich was in der Politik und das Ganze war nicht nur Gerede!
Auf jeden Fall hoffe ich, dass all der Trubel der Sunbeam auch etwas bringt und jede Menge neuer Spender generiert 🙂